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Am 3.6.2021 starteten wir mit 80 Teilnehmer*innen unseren Citydiskurs ZUKUNFTinnenSTADT mit der Veranstaltung „Zukunft der Innenstadt Hannovers“. Wir luden Stadtentwicklungsexpert*innen sowie Hannovers Bürger*innen ein mit uns über die Zukunft unserer City zu reden. Dr. Beate Hollbach-Grömig leitete mit der Definition des Begriffs Urbanität ein und erläuterte die Funktion des Handels, besonders vor dem Hintergrund der Corona-Krise. Prof. Tim Rieniets ergänzte andere wichtige Funktionen von Innenstädten. Er zeigte an einem Supermarkt, wie Handelsimmobilien, wie z. B. auch das Karstadt-Gebäude in Hannover, umfunktioniert werden können. Anschließend skizzierte Baudezernent Thomas Vielhaber Wege für Hannovers Stadtzentrum unter dem Eindruck der neuen Leipziger Charta und zählte Stärken und Schwächen der Hannover-City auf. Mit unseren Gästen konnten wir im anschließenden Dialog erkenntnisreiche Schlussfolgerungen ziehen. Die Metapher der Innenstadt als großer Tisch, an dem alle Bewohner*innen Platz finden, zog sich durch die Veranstaltung.

Nachdem Manfred Müller, Vorstandsvorsitzender des bbs und Jaqueline Knaubert-Lang, Leiterin der VHS Hannover, unsere Gäste begrüßten, referierte Dr. Beate Hollbach-Grömig zum Begriff „Urbanität“. Sie betonte, dass jede*r eine andere Vorstellung davon hätte. Unsere Innenstädte müssten diverser werden, damit jeder Platz am Tisch namens “Innenstadt” findet, weshalb auch die Nutzung von Gebäuden diverser werden müsse. Sie skizzierte die Funktionen einer Innenstadt und betonte die Bedeutung als Wirtschafts- und Arbeitsstandort im Rahmen nachhaltiger Stadtentwicklung, in der sozialer Zusammenhalt essentiell ist. “Beim Einkaufen in der Stadt geht es zunehmend um die Freizeit- und Erlebnisfunktion. Handelsorte sind auch Begegnungsorte”, so Hollbach-Grömig. Die Ergebnisse der Oberbürgermeister-Befragung 2021 des DifU zeigten, dass nach Klimapolitik, Verkehr und Digitalisierung die Innenstadtplanung erstmals als einer der wichtigsten Handlungsfelder gesehen wird. Es ist aber Geduld notwendig: Die Stadtentwicklungsexpertin schätzt, dass die Neuaufstellung einer Stadt fünf bis zehn Jahre dauert. Bis die Innenstadt ihre Attraktivität nach der Coronapandemie und dem mehr als 80%-igen Frequenzrückgang wiedergewinnt, wird es zwei bis drei Jahre dauern.

“Die Zukunft der Stadt kann nicht ohne die Innenstadt gedacht werden”, so Prof. Tim Rieniets. “Sie ist das symbolische Zentrum des Gemeinwesens Stadt. In einer Stadt wie Hannover ist es nicht ausgeschlossen, dass Menschen in getrennten Welten leben, doch alle kennen die Innenstadt. Sie ist wie das Wohnzimmer einer Wohngemeinschaft, in dem alle Platz finden”. Was können wir tun, damit das passiert? Auch Rieniets erklärt, dass der Einzelhandel gestärkt werden müsse, doch er spricht sich gegen die Monofunktionalität der City in Form des Einkaufens aus. Die öffentlichen Räume müssen genutzt, Verkaufsflächen reduziert und konzentriert werden. Rieniets sprach von weiteren “Frequenzbringern”, wie z. B. Fachmärkten, Produktionsstandorten, dezentralen Hotels oder Coworking-Spaces. In Planungen werden diese oft am Rande der Stadt gedacht. Wie wäre es, sie wieder in die Stadt zu holen? Mit diesen Nutzungen könnten Leerstände behoben und Freiräume belebt werden.  Einen solchen Leerstand gibt es in Hannover z. B. mit dem alten Karstadt-Gebäude. “Recycling-Möglichkeiten” für solche Großstrukturen gibt es viele, wie z. B. Wohngebäude oder Büros.

Den letzten Vortrag hielt Thomas Vielhaber, der seit 2020 Baudezernent in Hannover ist. Er äußerte sich ganz explizit zu seinem Erleben der Situation in Hannovers Innenstadt. Dabei hob er unter anderem hervor, dass die Universität in der Innenstadt nicht sichtbar ist. Auch dort lägen verborgene Potentiale zur Belebung der Stadt, die ebenso durch eine stärkere Verknüpfung zwischen Stadtteilen und City passieren könnte. Weiterhin spielt der Umbau zu einer klimaresilienten Innenstadt und damit die Schaffung neuer grüner Aufenthaltsorte eine zentrale Rolle. Als eine von Hannovers Stärken betonte er die innerstädtischen Arbeitsplätze als “Frequenzbringer”, sowie die grün-blaue Infrastruktur (Wasser- und Grünflächen) im Umfeld, die noch mehr Einzug in die Innenstadt finden müsse.  Nach den Geschäftszeiten müsse das Stadtzentrum mehr an Leben gewinnen. Bei diesen Herausforderungen können Experimente im Stadtraum helfen. Hier werden Straßenzüge oder Plätze zeitweise anders und innovativ genutzt, um neue Entwicklungsmöglichkeiten zu erproben. Vielhaber sprach in dem Kontext auch den Innenstadtdialog an, der Platz für die sogenannten „Reallabore“ bieten könnte.

In kleinen Diskussionsrunden wurde deutlich, was Hannovers Bürger*innen sich für die Innenstadt wünschen: mehr Lebendigkeit, Multifunktionalität, nicht-kommerziellen Aufenthalt und die Innenstadt als Ort des Zusammenkommens. Vorhandene Raumressourcen, wie etwa leerstehende Gebäude, müssen nachhaltig genutzt werden – mit Umbau statt Abriss.

Die drei Expert*innen fassten zusammen, dass die Stadtentwicklung die Aufgabe aller ist. Potenziale kreative Gruppen müssen genutzt werden. Hannover durchlebt durch Corona eine Krise, die aber als Chance genutzt werden kann. Hannovers Bürger*innen haben einen differenzierten Blick auf die Innenstadt. Ihre Perspektiven, müssen unbedingt in die Innenstadtentwicklung einfließen. “Stadtentwicklung ist ein Prozess, der nie endet”, betonte Vielhaber. Stadt hat sich immer geändert und wird sich immer ändern. Eins ist nach dieser Veranstaltung klar: Die soziale, gerechte und nachhaltige ZUKUNFTinnenSTADT kann nur gemeinsam geplant werden.

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