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Recht auf Stadt – Mädchen und Frauen im öffentlichen Raum

„Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich abends Bahn fahre, das Abteil leer ist und eine Männergruppe steigt zu.“

Das Statement einer Besucherin der bbs-Veranstaltung „Recht auf Stadt – Mädchen und Frauen im öffentlichen Raum” zeigt: Der Zugang zur Innenstadt Hannovers ist nicht für alle gleich. Es gibt für Männer unsichtbare Zonierungen und zeitliche Fenster, die die Bewegungsfreiheit von Mädchen und Frauen auf Hannovers Straßen und Plätzen einschränken. Gender Planning – was dem entgegenwirken kann – ist ein alter Hut, trotzdem findet es nicht statt. Die Forderungen nach der Veranstaltung sind klar: Gendersensible Planung muss Wettbewerbskriterium werden, bestehende Empfehlungen und Richtlinien müssen verbindlich sein, sonst finden sie keine Anwendung. Das hat nicht zum Zwecke, Männer zu benachteiligen, sondern um die Aufenthaltsqualität von Hannovers Innenstadt für alle zu steigern.

In der Diskussionsrunde, die das Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover e. V. mit der Volkshochschule Hannover am 6. Oktober veranstaltete, nahmen ca. 50 Personen physisch und digital teil. Zusammen mit Prof. Tanja Mölders entwickelten Dipl.-Ing. Heide Studer; (Landschaftsökologin, Kultur- und Sozialanthropologin aus Wien), Dipl.-Geografin und Planerin Ingrid Heineking und Friederike Kämpfe (Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Hannover) Ideen dazu, wie Hannovers Innenstadt mehr von und für Mädchen und Frauen gestaltet werden kann.

„Ich muss gestehen, es war nicht das erste Thema, welches mir zur Entwicklung der Innenstadt eingefallen ist.“

Das Statement spiegelt die Bedeutung geschlechter*gerechter Planung wider. Umso wichtiger, dass die vierte Veranstaltung im Citydialog ZUKUNFTinnenSTADT genau darauf eingeht, betonte Jacqueline Knaubert-Lang, Leiterin der VHS, bei der Eröffnung. Prof. Tanja Mölders stellte zunächst das Gender Mainstreaming vor: Ein politisches Leitprinzip, das Planung durch Genderaspekte qualifiziert. Dadurch sollen Aneignungs- und Raumnutzungsmuster von allen Geschlechtern bei Planungen berücksichtigt werden. Ingrid Heineking stellte eine Mobilitätsanalyse der Region Hannover vor, dabei legte sie den Fokus auf Unterschiede im Mobilitätsmuster von Mann und Frau. Heide Studer stellte Projekte aus Wien zur erfolgreichen Beteiligung von Mädchen vor. Sie betonte in ihrem Vortrag weiterhin, dass es wichtig sei, alle von Diskriminierungen betroffenen Personen zu beteiligen und den Mut zu haben, konkrete Forderungen zu entwickeln.

Prof. Tanja Mölders leitet das Referat „Räumliche Planung und raumbezogene Politik“ bei der ARL Akademie für Raumentwicklung in der Leibnitz-Gemeinschaft und ist außerplanmäßige Professorin an der Leibniz-Universität. In dieser Funktion bietet sie Studierenden Seminare wie z.B. „Gender Planning – Städtische Räume geschlechter*gerecht planen“ an. Als Nachhaltigkeitswissenschaftlerin stellen Fragen nach Geschlechterverhältnissen für sie einen analytischen Zugang dar, der einen kritischen Blick auf Denk- und Handlungsmuster ermöglicht. In Bezug auf Hannover stellt sie die Frage: „Haben alle Menschen das gleiche Recht auf Innenstadt? Wer eignet sich städtische Räume an und werden öffentliche Räume implizit oder explizit zugewiesen?“ Ihre These ist, dass das Geschlecht als sozialer Platzanweiser wirkt und Frauen und Männer, aber auch Mädchen und Jungen Räume unterschiedlich nutzen. Das Gender Mainstreaming stellt sie als politisches und planerisches Leitprinzip vor. Bei allen Maßnahmen und Projekten sollen in verschiedenen Phasen der Planung und Umsetzung die Raumnutzungsansprüche, Ressourcen und Kompetenzen gesellschaftlicher Gruppen berücksichtigt werden. Gender Planning soll so die in der Stadtplanung unterrepräsentierten Gruppen stärken. Interessant sind hierbei Gegensätze zwischen Erwerbsarbeit und Versorgungsarbeit. Traditionell wird die Produktionsarbeit vom Mann ausgeführt und die Versorgungsarbeit von der Frau. Versorgungsarbeit bringt meist viele kurze Wegestrecken mit sich. Mölders stellt hierzu die Frage, ob dies mit dem ÖPNV überhaupt möglich ist.

Als weiteres zentrales Thema nannte sie Sicherheit. Für Frauen gibt es häufig sogenannte „Angsträume“, die aktiv gemieden werden, da sie subjektiv als gefährlich wahrgenommen werden. Frauenparkplätze oder Heimwegtelefone könnten die Antwort sein. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn Frauen in eine Opferrolle gebracht und dort gehalten werden.

Für die Anschaulichkeit räumlicher Auswirkungen des Gender Plannings präsentierten einige ihrer Studierenden die Seminararbeit „Hannover Mit(te) Gestalten – Weiterführung des Innenstadtdialogs mit Fokus auf geschlechtergerechtes Planen und Entwerfen“. Sie stellten Orte in der Innenstadt und Visionen für ihre geschlechtergerechte Gestaltung vor.

Als lokale Expertin sprach Diplom-Geografin Ingrid Heineking darüber, wie eine Gender-Analyse über Mobilität in der Region Hannover, an deren Erstellung sie mitgewirkt hat, ein qualifizierender Aspekt in der Planung ist. Dabei wurde auch vermeintlich Gesetztes hinterfragt. Es kam heraus, dass sich schon eine Veränderung im Mobilitätsverhalten bemerken lässt. Junge Frauen haben früher und häufiger einen Führerschein als Männer, während in den älteren Altersstufen Frauen Mitfahrerinnen sind. Im Allgemeinen unterscheiden sich die Mobilitätsmuster von Männern und Frauen bei den Versorgungstätigkeiten und den Arbeitswegen: Während Männer eher schnell lineare Wegstrecken zurücklegen, haben Frauen ein ausgeprägtes Wegenetz mit einer geringeren Geschwindigkeit. Um unabhängig vom motorisierten Individualverkehr zu werden, sei es wichtig, den ÖPNV an weibliche Mobilitätsbedürfnisse anzupassen. Weiterhin sieht Heineking einen Ansatzpunkt für Maßnahmen bei den Umbruchsphasen in dem Leben der Menschen. Während viele Studierende ohne Auto unterwegs sind, ändert sich dies beim Einstieg in die Arbeitswelt. Diese Umbruchsphase können durch spezielle Maßnahmen, z.B. günstigere Tarife, begleitet werden um Anreize zu schaffen, sich weiterhin autofrei zu bewegen. Ziel der Mobilitätsanalyse war es, konkrete Forderungen an die Verwaltung zu entwickeln. Aus den erhobenen Daten ergaben sich sieben Forderungen. Die Kernpunkte beschäftigen sich mit zielgruppenspezifischen Beteiligungsformaten, Bedarfsverkehr, Steigerung der Sicherheit, Push- und Pull-Maßnahmen und dem Zusammendenken von Siedlungs- und Verkehrsentwicklung. Gleichsam ist aber ein zentraler Punkt Experimente zu wagen und neue Maßnahmen zu testen.

Dr. Dipl.-Ing. Dr. Heide Studer ist Landschaftsökologin und Sozialanthropologin aus Wien. In ihrem Büro Tilia entwickelt und erforscht sie öffentliche Räume, dabei spielt die Partizipation der Stadtbevölkerung eine zentrale Rolle. Denn der Raum, erklärte sie, wird durch soziale Praktiken hergestellt. Der Stadtraum wird täglich genutzt. „Lebensqualität in Städten bedeutet, dass mehr gewählte, also nicht notwendige Aktivitäten im öffentlichen Raum stattfinden“ zitiert sie Jan Gehl (dänischer Architekt und Stadtplaner aus Kopenhagen). Studer fragte, wo Jugendliche sich einbringen können. Sie betonte, dass Jugendarbeit in Wien burschenorientiert ist, deshalb setzt sie sich für die Teilhabe von Mädchen in Planungsprozessen ein. Dabei legt sie die Diskriminierungen offen und untersucht das geschlechterspezifische Verhalten: Mädchen eigenen sich weniger Orte an als Jungen. Sie halten sich lieber an belebten Orten auf, bei denen sie in der Masse verschwinden können und ohne soziale Kontrolle üben können, selbstständig zu sein. Mit diesen und weiteren Erkenntnissen führte Heide Studers Büro ein Beteiligungsverfahren am Reumannplatz in Wien durch und legte dabei den Fokus besonders auf Mädchen. Bei der späteren Umgestaltung konnte eine Mädchenbühne und ein Aufenthaltsbereich realisiert werden. „Die Mädchen haben bunte Bänke gestaltet und als Mädchenbank beschriftet. Jetzt wird beobachtet, dass Männer diese Bänke räumen, wenn Mädchen sich setzen möchten.“ Freute sich Studer. Stadtverwaltungen müssen für das Genderthema sensibilisiert werden.

Geschlechtergerechte Planung hat zwar an Bedeutung gewonnen, trotzdem fehle noch die planerische Konsequenz, diese in jedem Projekt anzuwenden. Es wurde deutlich, dass es bei Gender planning nicht darum geht, Frauen per se zu unterstützen, sondern verschiedene Lebensentwürfe zu ermöglichen, die z.B. auch Versorgungsarbeit beinhalten. Um eine City für Alle zu gestalten, das war allen nach der Veranstaltung klar, spielen nicht nur räumlich-bauliche Setzungen eine Rolle. Alle Rednerinnen waren sich in einem Punkt einig: Um unterrepräsentierte Gruppen in der Innenstadt zu unterstützen sei es wichtig, Diskriminierungen offenzulegen. Nur so könne man konkrete Forderungen mit den unterrepräsentierten Gruppen entwickeln und in der Stadtentwicklung verankern.

Friederike Kämpfe betone abschließend, dass sich dafür auch Strukturen in der Verwaltung ändern, und Menschen sensibilisiert werden müssten. Selbst, wenn Alle Planer*innen eine Art „Gender-Kompass“ hätten, müssten Anforderungen verbindlich sein, damit geschlechtergerechte Planung zu einer besseren Innenstadt Hannovers führt.

Heide Studer ermutigte: „Fragt die, die da sind! Fragt Mädchen und Jungen. Wenn ohnehin eine Beteiligung stattfindet, ist es wenig Aufwand, diese auch geschlechtersensibel auszuwerten. Ein Nachhaken anhand von statistischen Daten ist möglich, wenn Gruppen nicht berücksichtigt wurden.“

Hier finden Sie einen Zusammenschnitt einiger spannender Momente, sowie einen Beitrag von h1 zur Veranstaltung:

By |2021-11-18T10:42:08+01:0018.10.2021|

Exkursion zu Urban Sports in der Innenstadt: Forderungen an Politik und Verwaltung

Unter dem Motto „Sport in der City – Von der Vision zum Bewegungsraum für alle!” erkundeten 30 Bürger*innen die Innenstadt. Zusammen mit Heiko Heybey, dem Initiator der Leinewelle, entwickelten sie Thesen dazu, wie urban sports in Hannover verhandelt, geplant und realisiert werden kann.

An vier Stopps einer Innenstadtexkursion, die das Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover e. V. mit der VHS am 2. September veranstaltete, begutachteten die 30 Teilnehmenden Situationen, sammelten Ideen und gaben klare Hinweise an die Politik und Stadtverwaltung.

Oliver Kuklinski (Geschäftsführer des bbs), Helene Grenzebach (Geschäftsstellenleitung des bbs), Jaqueline Knaubert-Lang (Leiterin der VHS) bei der Begrüßung zur Exkursion (Foto: Eduardo Navarro)

Sport und Bewegung stellen neben Grün und Aufenthaltsqualitäten große Potenziale zur Entwicklung der Freiräume in der (Innen-)Stadt dar. Dazu müssen Bewegungs- und urban sports-Anforderungen bei der Umplanung von Innenstadtplätzen auf den Radar der Planer*innen. Bodenbeläge und Ausstattungselemente wie etwa Stufen, Bänke und Beeteinfassungen sollten so geplant und gebaut werden, dass “hybride” Nutzungen möglich sind: Ein Freiraum kann so zu unterschiedlichen Tageszeiten verwendet werden um im Schatten von Bäumen seine Mittagspause zu machen, zu skaten oder mit den Kindern fangen zu spielen. Nutzungen können sich auch im Laufe der Jahre ändern, ohne, dass die Plätze immer wieder umgebaut werden müssen.

„Der teure Rentner*innensportplatz sind am Bedarf vorbei geplant und werden kaum genutzt, aber in Bothfeld fehlt das Restgeld, um eine Skateanlage zu bauen, auf die hundert Jugendliche sehnlichst warten und für die sie selber über Jahre die Sponsorengelder eingeworben haben.“ Erklärt Heiko Heybey Initiator der Leinewelle.

Die zuständige Verwaltung muss deshalb ansprechbar und handlungsfähig sein. Dazu wurde angeregt, innerhalb der Verwaltung dezernats-und fachbereichsübergreifend zu arbeiten (wie die AG Stadtplätze, die das inzwischen weitgehend ausgelaufene Stadtplatzprogramm bearbeitet hat). Anwohnende bzw. anliegende Nutzer*innen wie Ladenbetreiber*innen mit ihrer Ortskenntnis sollten früh in die Planung einbezogen werden, ebenso wie Expert*innen der jeweiligen Sport- und Bewegungsarten. Gefragt werden sollten auch Vereine mit Wissen, etwa zu Barrierefreiheit oder der Planung von Sportanlagen. Diese Partner*innen können dann auch in die Bespielung, Betreuung und nachhaltige Nutzung der neu gestalteten Räume einbezogen werden. Die Exkursion hat gezeigt, dass Privatleute, Vereine, Unternehmen und Initiativen in Hannover vor Know-how und guten Ideen strotzen um mehr Bewegung in die Stadt zu bringen.

Klar wurde auch, dass die Gegebenheiten an jedem einzelnen Ort genau betrachtet werden müssen – nicht jeder Platz in Hannovers City eignet sich für Sport. Dazu braucht es fachliche Bestandsaufnahmen und auch eine Prioritätensetzung für Maßnahmen und Umbauten, in die die Stadtgesellschaft einbezogen werden muss. Anwohner*innen sowie zukünftige Nutzer*innen müssen dann früh die Entwürfe mitgestalten und kritisieren dürfen. Und sie müssen Alternativen zur aktuellen, autozentrierten Stadt erleben und ausprobieren können.

Leinewelle

An der Leinewelle beschrieb Heiko Heybey die Funktion der stehenden Welle und den Prozess von der Vision bis zum jetzigen Stand der Baustelle. Besorgte Nachfragen zum Kanuanleger, dem Lebensraum für Fische und dem drohenden Publikumsverkehr beantwortete er fundiert.

Aus dem Publikum kam der dringende Wunsch, den benachbarten Parkplatz im Zuge der Bauarbeiten auch zu einer Spiel- oder Bewegungsfläche umzuwandeln. Eine Anwohnerin entgegnete daraufhin ihren Bedarf an erreichbarem Parkraum. Dieser würde nicht ausreichend berücksichtigt, stattdessen fielen zum Beispiel durch den neu gestalteten Marstall und die Baustelle der Leinewelle immer mehr Parkmöglichkeiten weg. Solche Aktivitäten seien selten gut vermittelt, sie als Anwohnerin erhalte meist keinerlei Informationen, eine Ansprechperson gäbe es nicht. Dieser klassische Nutzungskonflikt zeigt, dass Projekte nicht nur zukünftigen Nutzer*innen, sondern auch Anwohner*innen einbeziehen müssen, um erfolgreich zu sein und die Prioritäten der Maßnahmen zu vermitteln.

Heiko Heybey, Initiator der Leinewelle, stellt den langwierigen aber erfolgreichen Entstehungsprozess der Leinewelle vor. Surfen auf der Leine soll ab dem Frühjahr 2022 möglich sein.

Die Leinewelle zeigt, dass aus privaten Initiativen erfolgreiche Projekte entstehen können, die unserer Stadt Einzigartigkeit und Atmosphäre verleihen. Es ist aber auch deutlich, wie viel Geduld und Beharrlichkeit nötig sind, um Vorurteile, bürokratische Hürden zu überwinden bzw. konkurrierende Nutzungsinteressen auszugleichen. Es wird deutlich, dass bei der Identifizierung und Umsetzung von Projekten eine qualifizierte Kommunikation mit Nutzer*innen und Nachbar*innen und Anwohner*innen erfolgen muss. Das erfordert Mut und das Aushalten von Uneinigkeit und im Vorfeld eine klare gut kommunizierte Prioritätensetzung.Kreuzung Breitestraße/Georgswall

Kreuzung Breite Straße/Georgswall

Die Kreuzung Breite Straße/Georgswall war die nächste Station der Exkursion. Eine Teilnehmerin beschrieb, wie trist und lieblos der Platz sei, die einzig mögliche Nutzung sei das Parken von Autos. Einladend und atmosphärisch sei der Platz nicht, er würde sich hier nicht aufhalten wollen – stimmte ein kommunalpolitisch aktiver Teilnehmer zu. Hier ist es aber leicht möglich, Bewegungsangebote zu schaffen, ohne Lieferverkehr zu verbannen. Denn der Platz, der überwiegend von Büros umgeben ist, muss zum Beispiel am Wochenende oder abends kein Parkplatz sein. Hybride Lösungen und optionale Nutzung eröffnen zahllose Möglichkeiten: Zum Beispiel zerteilen und beengen hohe Bordsteinkanten sonst große Flächen, Kopfsteinpflaster verhindert, dass ein Federballfeld aufgemalt wird oder Kinder Rollschuh laufen. Eine Bank muss nicht nur Bank sein, sie kann Klettergerüst für Kinder, Bühne oder Hindernis für Parcours-Läufer*innen sein. Damit begegnet man auch den Bedürfnissen unterschiedlicher Generationen. Gerade die Interessen von Älteren sahen ein Teil der Teilnehmer*innen selten berücksichtigt, während andere berichteten, dass teure Rentner*innensportplätze leer stünden, aber Restgeld fehle, um eine Skatehalle zu bauen, auf die Jugendliche in Bothfeld sehnlichst warten.

Hybride Gestaltung und in der Folge vielfältige Nutzungsmöglichkeiten verhindern solche Fehlinvestitionen, bei denen starr geplante Angebote von der angesprochenen Zielgruppe nicht (oder nicht mehr) angenommen werden. Eine weitere Möglichkeit, diese Fehlinvestitionen zu vermeiden, sind Tests und temporäre Aufbauten, um über einen längeren Zeitraum zu erforschen, ob und wie sich die geplante Nutzung entwickelt. Hier sind die aktuell laufenden Experimentierräume der Stadtverwaltung ein guter Startpunkt.

Skatemöglichkeiten oder Bewegungsangebote für Senioren? Überlegungen an der Kreuzung Breite Straße/Georgswall

Hybride Gestaltung und in der Folge vielfältige Nutzungsmöglichkeiten verhindern solche Fehlinvestitionen, bei denen starr geplante Angebote von der angesprochenen Zielgruppe nicht (oder nicht mehr) angenommen werden. Eine weitere Möglichkeit, diese Fehlinvestitionen zu vermeiden, sind Tests und temporäre Aufbauten, um über einen längeren Zeitraum zu erforschen, ob und wie sich die geplante Nutzung entwickelt. Hier sind die aktuell laufenden Experimentierräume der Stadtverwaltung ein guter Startpunkt.

Prinzenstraße/Schiffgraben

Die Notwendigkeit von Experimenten wurde auch am nächsten Standort deutlich, dem neu gestalteten Park auf dem Mittelstreifen von Prinzenstraße/Schiffgraben. Inmitten des Verkehrslärms der beiden zweispurigen Straßenseiten bleibt kaum Gelegenheit, die insektenfreundliche Wiese zu genießen. Die Idee kam auf, die Straße nur noch einseitig am Park entlang zu führen. Hier würde viel Fläche frei, die doppelt so groß ist wie der Skatepark Linden Süd am Allerweg. Das, so eine Teilnehmerin, sei für sie völlig unvorstellbar. Und dies ist nachvollziehbar, wenn man sich die aktuelle Situation mit Lärm und Gestank anschaut. Hier einen Spielplatz zu errichten, Boule oder Skaten zu ermöglichen, wäre eine Zumutung. Um sie vom Gegenteil zu überzeugen, muss sie diese Vision erleben. Den vielen Anwohner*innen in Hedwig- und Warmbüchenstraße, die kaum Grünflächen oder Bewegungsmöglichkeiten in ihrem Wohnviertel haben, muss die Möglichkeit gegeben werden, Neues und Unbekanntes über einen längeren Zeitraum zu testen und auszuprobieren.

Weniger graue Autospuren, mehr attraktive Freifläche? Diskussionen über Zukunftsszenarien am Schiffgraben

Köbelinger Markt

Den allseits zu erwartenden Nutzungskonflikten kann begegnet werden, indem in klug geplanten Reallaboren/Experiementierräumen die schöne und attraktive Innenstadt erlebbar gemacht wird. Aber hier muss darauf geachtet werden, dass Aktionen nicht nur kurzzeitige Projekte bleiben, sondern nachhaltig Teil des Stadtbildes werden. An der letzten Station der Exkursion, dem Köbelinger Markt, ist ein zweiwöchiges Experiment durchgeführt worden. Die Bilder des großen, seinerzeit von parkenden Autos befreiten Platzes, wirken nach, Teilnehmende können sich hier leicht Hängematten, Slacklines, Boulebahnen und Schaukeln vorstellen. Vor dem inneren Auge entsteht ein Innenstadtspielplatz mit Wasser und Bewegungselementen für Kinder und Erwachsene, ein südländisch anmutender Platz, der statt zum Parken nun auch zum Verweilen einlädt und an dem man sich Marktstände und Sitzgelegenheiten mit südländischem Flair vorstellen kann.

(Park-)Platz mit südländischem Flair? Weg mit den Autos und her mit den Bänken und Cafés!

Die Exkursion war die dritte Veranstaltung des Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover e. V. und der Volkshochschule Hannover im City-Diskurs ZUKUNFTinnenSTADT. Zur großen Frage nach der Zukunft der Innenstadt Hannovers wurde diesmal aus der Perspektive der Bewegung und des urban sports Antworten gesucht. Viele Ideen und Inspiration konnten bereits auf der Zukunftswerkstatt „Bewegungs(T)räume Innenstadt“ der Landeshauptstadt Hannover gesammelt werden. Hier wurde, auf Initative der Stadtverwaltung zusammen mit Stadtbaurat Thomas Vielhaber und Kulturdezernentin Konstanze Beckedorf – am Vortag – beispielhaft über ausgewählte Innenstadträume und deren Eignung für Sport und bewegung gesprochen.

Das Thema Bewegung in der Stadt ist durch Corona wichtiger geworden. Dass es neben sanierungsbedürftigen Vereinssportanlagen der 70er Jahre nun auch in der Innenstadt platziert wird, ist neu. Die Angebote müssen maßgeschneidert sein und zu benachbarter Nutzung passen. Besonders in der Nähe von Wohnhäusern besteht hoher Bedarf: Hier ist es nötig, den Plätzen der Innenstadt – zum Beispiel durch Bewegungsangebote – Profil und Identität zu verleihen. Um fortschrittlich zu planen, müssen Prozesse in der Verwaltung beschleunigt und Hindernisse beseitigt werden. Vom Anstoß zur Eröffnung dürfen nicht acht, sondern höchstens zwei Jahre vergehen. Das erfordert Mut und das Aushalten von Konflikten. Damit Außergewöhnliches entsteht und Trends erlebbar werden, müssen das Ausprobieren und auch der Mut zum Scheitern in der Verwaltung der Landeshauptstadt Normalität werden. Motivation für diesen Prozess liefern der Spaß und die Freude, die ein Tischtennisspiel unter freiem Himmel macht.

 

Exkursion verpasst? Hier gibt es noch einmal einen Zusammenschnitt mit spannenden Eindrücken:

 

ZUKUNFTinnenSTADT

Das bbs stellt 2021 und 2022 die kooperative Entwicklung der Innenstadt in den Fokus seiner Arbeit. Kooperationspartner*innen sind die Volkshochschule Hannover (VHS) und Politik zum Anfassen e. V. Über das Jahr hinweg werden in digitalen und analogen Veranstaltungen, mobil in den Stadtteilen, per App auf PLACEm und in der VHS Hannover zahlreiche Facetten der Innenstadt Hannovers beleuchtet. Ziel ist es, mit Bürger*innen und Expert*innen eine Vision für die Innenstadt Hannovers zu kreieren und damit einen gehaltvollen Beitrag zur Stadtentwicklung zu leisten. Auf dem Weg dahin inspiriert die Reihe Bürger*innen sich mit der Innenstadt auseinanderzusetzen und pflanzt Ideen, wie sie attraktiver, lebendiger und vor allem gerechter werden kann. Mehr Infos hier.

By |2021-09-13T12:13:57+01:0006.09.2021|

Hier Passiert’s! Wer bewegt den Stadtteil?

Die Plakataktion “Hier Passiert’s! Wer bewegt den Stadtteil?” lädt zur Kommunalwahl am 12.9.2021 ein. Greifbare Erfolge der Stadtbezirksräte in der letzten Wahlperiode werden durch Plakate für die Bevölkerung sichtbar gemacht. Durch konkrete Projekte, die durch die Stadtbezirksräte realisiert wurden, wird gezeigt, dass Kommunalpolitik relevant ist und damit wird ein Anreiz für die Beteiligung an den Wahlen geschaffen. Das Bürgerbüro Stadtentwicklung setzt darauf, dass das Verständnis der Bürger*innen für Kommunalpolitik durch die Plakate in drei Stadtteilen gefördert wird und so die Wahlbeteiligung am 12. September steigt.

In manchen Bezirken Hannovers liegt die Wahlbeteiligung bei unter 40 Prozent. Häufig sind das Stadtteile in prekären Soziallagen. “Hier passiert’s!” konzentriert sich auf die Stadtteile, die 2016 die geringste Wahlbeteiligung hatten und spricht nicht wählende Bürger*innen an. Die Bürgermeister*innen der Stadtbezirksräte Döhren-Wülfel, Bothfeld-Vahrenheide und Nord haben das Vorhaben unterstützt und erfolgreiche Projeke aus den Stadtteilen Mittelfeld, Vahrenheide und Hainholz genannt. Aus deren Angaben wurden Plakate, die in den Stadtteilen das jeweilige Projekt markieren. Auch auf social media Kanälen werden die Erfolge geteilt und öffentlich gemacht.

Dabei bleibt die Darstellung der Arbeit der Stadtbezirksräte explizit auf die Vergangenheit beschränkt und ohne Fokus auf die antragstellende oder ausschlaggebende Partei.

Ausgewählte Projekte

Vahrenheide
  • Sozial- und Migrationsberatungsstelle Vahrenheide
  • Fitnessparcours / Calisthenics im Grünzug Vahrenheide
  • Stadtteilpark Schwarzwaldstraße
Hainholz
  • Hainhölzer Markt
  • Naturbad
  • Offener Mittagstisch
Mittelfeld
  • Nachbarschaftstreff
  • Bücherschrank und Spielplatz
  • Erneuerung niederländischer Expo-Pavillon

 

 

Die Anlauf-, Koordinations- und Vermittlungsstelle in Vahrenheide wurde 2019 errichtet. Es gab vorher keine Beratungsstelle, die pragmatische, lösungsorientierte Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten anbietet. Geholfen wird allen Bürgerinnen und Bürger mit Fragen zu Migrationsberatung. Neu zugezogene geflüchtete Menschen erhalten Unterstützung. Von Juni 2019 bis Juni 2020 wurden 1.457 Beratungsgespräche durchgeführt! Durch die Beratungsstelle werden soziale Einrichtungen entlastet, der Lebensunterhalt gesichert und die gelingenden Integration und Teilhabe wird gefördert. Dem Projekt wurde eine dauerhafte Finanzierung zugesichert.

 

Hainhölzer Markt: Hier wurde ein alter Wohntrakt entfernt, damit ein neues Haus mit Wohnungen für Menschen mit Behinderungen entstehen kann. Ein Wohncafé und eine Bankfiliale finden dort ebenfalls Platz. Der “Hainhölzer Markt” wird seit zehn Jahren mit einem Bauherren entwickelt. Dieses Jahr soll mit dem Bau begonnen werden. Der Bezirksrat hat sich für die frühzeitige realisierung des Hochbahnsteiges eingesetzt.

 

Durch die Arbeit des Bezirksrats konnte die frühere Stadtbücherei Mittelfeld als Nachbarschaftstreff erhalten werden. Der hintere Außenbereich bekam Turngeräten für Alt und Jung. Hier ist es gelungen, nicht nur eine einmal angedachte Schließung des Nachbarschaftstreffs zu verhindern, sondern diesen in Zusammenarbeit mit Verwaltung und Vereinen zu einem kleinen Stadtteilzentrum auszubauen. Teile des Projektes sind eine Vertrauensbücherei, die Möglichkeit Veranstaltungen durchzuführen und ein Mehrgenerationenplatz, der mit den unterschiedlichsten Spiel- und Sportgeräten bestückt wurde. An der Auswahl waren die Nutzer*innen beteiligt.

 

Das Naturbad entwickelte sich aus einer Bürger*innenbewegung. Die Stadt wollte das bestehende Freibad nicht weiter unterstützen. Die “Bad-AG” setzte sich für den Bau eines Naturbades ein und konnte den Wunsch gemeinsam mit Hilfe des Bezirksrats erfüllen. Das Naturbad ist das einzige seiner Art in ganz Hannover.

 

Der Stadtbezirksrat Bothfeld-Vahrenheide hat einen Gerätepark für Krafttraining unter freiem Himmel entstehen lassen. Calisthetics ist körperliches Training ohne spezielles Sportequipment. Das Training funktioniert mit dem eigenen Körpergewicht. Durch die Geräte hat jede*r Bürger*in eine einfache Möglichkeit, ein neues Fitnesslevel zu erreichen, Kraft aufzubauen und dabei unabhängig vom Fitnessstudio zu sein. Anlass zum Bau war eine Bedarfserhebung mit Vertreter*innen der Jugendhilfeeinrichtungen. Viele Menschen wünschten sich Fitnessparcours. Das wurde an den Stadtbezirksrat gerichtet. Dieser hat bei der Stadtverwaltung einen Antrag gestellt. Nach intensiven Diskussionen und Mitwirkung von Jugendlichen wurde der Gerätepark gebaut.

 

Ein neuer Bücherschrank mit einer separaten Abteilung für Kinderbücher wurde vom Bezirksrat finanziert und von der Verwaltung am Rande des Spielplatzes Gundelachweg aufgestellt. Damit wird an diesem bei vielen Familien im Stadtteil beliebten Ort ein niedrigschwelliges Leseangebot für Alt und Jung gemacht, das auch sofort nach Einweihung sehr gut angenommen wurde. Der Spielplatz selbst wird mit neuem Spielgerät aufgewertet.

Kartendarstellung

Wo sind die Projekte und die Plakate? Hier eine Übersicht

 

By |2021-09-09T17:24:40+01:0001.09.2021|

Das Bürgerbüro im Experimentierraum

Das Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover e. V. ergriff die Chance und platzierte sich am 15.7. am Köbelinger Markt: Der Innenstadtdialog der Stadt Hannover bot Akteur*innen der Stadtgesellschaft an, sich im zweiten Teil der Experimentierrräume zu engagieren. Zusammen mit Politik zum Anfassen e. V. packten wir unsere Infomaterialien, Umfrage und Mitmachausstellung und dekorierten den autofreien Köbelinger Markt. Direkt zu Beginn schleusten wir zwei Schulklassen durch den Stand und erhielten von ihnen viele Anregungen: Mehr Geschäfte mit Videospielen, Bänke, an denen man über Solarpanele sein Telefon aufladen kann, mehr Radwege. Viele waren sich einig: Wohnen in der Innenstadt? Nein danke, dort gibt es zu wenig Grün und Spielplätze. Wir waren dauerhaft mit Passant*innen im Gespräch und haben viele neue Eindrücke und Ideen mitgenommen. Lasst euch von unserer Visions-Wand in der Bildgallerie inspirieren. Bereits am 31.7. sind wir wieder draußen mit “Die City kommt zu uns!”. Dann stehen wir mit der Wanderbaumallee am Engelbosteler Damm. Unsere Vor-Ort-Aktionen sind alle Teil des bbs-Projekts ZUKUNFTinnenSTADT.

Der Experimentierraum hat sehr viel Spaß gemacht und ließ sowohl uns, als auch Bürger*innen mit neuem Blick in die Zukunft denken. Wir sind gespannt auf weitere kreative Ideen im Innenstadtdialog!

By |2021-08-24T13:47:21+01:0016.07.2021|

Hannover – grüner Gürtel, graue Mitte

Hannover ist als Gartenstadt mit Tradition bekannt, aber die Innenstadt fällt zurück. Freiraumentwickler*innen beschreiben Hannovers öffentliche Räume als „zu grau, zu steinern“. Kann Natur helfen, die City aufatmen zu lassen? Darüber sprachen Lisa Kreft (Verkehrsclub Deutschland e. V.) und Dr. Martin Sondermann (Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz Gemeinschaft) mit den 50 Teilnehmenden und der Moderatorin Prof. Dr. Tanja Mölders (LUH/ARL) am 8. Juli im Rahmen der bbs-Veranstaltung “Natur im Zentrum – Stadtgrün und die Bedeutung von Natur in Stadtzentren“. Diese ist Teil von ZUKUNFTinnenSTADT.

„Um Städte grüner zu machen, muss lokales Expert*innenwissen in Quartieren gesammelt, gebündelt und aufbereitet werden. So kann eine kritische Masse zustande kommen und sich hohe Strahlkraft entfalten.” (Lisa Kreft)

Lisa Kreft arbeitet beim VCD für das Kommunikationsprojekt “Straßen für Menschen” mit dem Schwerpunkt Flächengerechtigkeit und Umnutzung von Verkehrsräumen. Zukünftige Herausforderungen wie Klimaanpassungen oder die Bedürfnisse der Gesellschaft machen solche Umnutzungen notwendig. 2014 zeigte eine Befragung in London, was Menschen für einen gesunden Straßenraum halten. Dazu gehören z. B. saubere Luft, Orte zum Verweilen sowie Schatten, der durch Bäume gespendet wird. Eine Intensivierung des Stadtgrüns kommt diesen Aspekten entgegen. Bei einer Außentemperatur von 28°C erhitzt sich der Beton auf bis zu 50°C, während der Rasen im Schatten sogar nur 26°C anzeigt. Problem: weiterhin dominiert der Autoverkehr auf den Flächen. Lisa Kreft zeigte motivierende Beispiele der alternativen Nutzung auf, wie z. B. „Stadt aufmöbeln”, „Gieß den Kiez” oder die Wanderbaumallee, die bald auch in Hannover steht.

„Die Innenstadt Hannovers leidet unter Hitzestress und hat wenig Aufenthaltsqualität. Wissen und kreative Ideen, das zu ändern, sind bekannt. Eine Umsetzung erfordert Mut, Kraft, Diskussion und Überzeugungsarbeit.” (Dr. Martin Sondermann)

Dr. Martin Sondermann brachte die planerische Perspektive in die Runde. Er bewertete das Grün der hannoverschen Innenstadt insgesamt positiv, doch appellierte, sich nicht auf dem aktuellen Stand auszuruhen. Er machte klar, dass Stadt(grün)entwicklung eine kommunale Aufgabe ist und es viele Potenziale in Hannover gibt. So kann die Stadt Auflagen für Investoren festlegen, was die Begrünung von Neubauten betrifft. Hier sei Hannover nicht mutig genug. Bei der Planung müsse sich eine Stadt am Gemeinwohl und der Nachhaltigkeit orientieren – was ist für wen nutzbar und wie lange? Im öffentlichen Raum sei im Prinzip alles möglich, was wichtig für die Demokratie in einer Stadt sei. Als weiteres Positivbeispiel der integrativen Stadtentwicklung stellte er Lissabon vor. Einwohner*innen legten auf einer Brache einen illegalen Gemüsegarten an. Die Stadt griff die Initiative auf, förderte und schuf drumherum ein neuer Aufenthaltsort: der Parque Urbano da Quinta da Granja. Er ist Teil eines wachsenden Netzwerks und zeigt eindrücklich, dass Verwaltung sich an Initiativen aus der Bevölkerung kreativ beteiligen kann.

Inspiriert von den Vorträgen diskutierten die Teilnehmenden in Kleingruppen. Viele Ideen sammelten sich, als es darum ging, in die Rolle eine*r Freiraumplaner*in zu schlüpfen: Die Neuverteilung des öffentlichen Raumes und der Umgang mit Hitzeinseln waren wichtige Oberbegriffe. Konkret wurde über die Verschönerung des Leineufers (Verwildert oder gepflegt?) und den Andreas-Hermes-Platz gesprochen.

Was braucht Hannover, um eine grüne Innenstadt umzusetzen? Die bisherige Flächennutzung muss überdacht werden. Die gesamte Stadtgesellschaft soll eingeladen werden, Straßen nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Erkenntnisse und Wissen zu nachhaltigem und gutem Leben in der Stadt sind schon lange vorhanden, aber ein Bewusstseinswandel steht noch aus. Nutzungskonflikten kann begegnet werden, indem in Reallaboren die schöne und attraktive Innenstadt erlebbar gemacht wird. Die Experimentierräume sind ein bemerkenswerter Versuch dazu.

 

 

Das Bild zeigt die Ideen und Wünsche, die in den Kleingruppen entstanden sind, außerdem erhalten Sie nachfolgend noch einmal die Möglichkeit, sich die Vorträge von Lisa Kreft und Dr. Martin Sondermann in Gesamtlänge anzuschauen.

By |2021-09-10T20:22:51+01:0009.07.2021|

“Die City kommt zu uns!” Mitmachaktionen auf dem Ricklinger Markt

“Die City kommt zu uns!” ist ein Part unseres City-Diskurses ZUKUNFTinnenSTADT. Am Donnerstag, dem 24.06., gab es die Premiere: Zusammen mit Politik zum Anfassen e. V. bespielten wir den Ricklinger Markt mit unseren Mitmachaktionen zur Innenstadt. In Gesprächen, bei unserer Umfrage und verschiedenen Spielen konnten wir neue Erkenntnisse gewinnen: Viele der Menschen besuchen die Innenstadt z. B. gar nicht. Andere wiederum vermissen Karstadt, doch auch kleine Spezialgeschäfte seien wünschenswert. Eine der wichtigsten Bemerkungen: Die Stadt braucht umfassende Barrierefreiheit!

Wir konnten Erfahrungen sammeln und freuen uns auf weitere Aktionen. Voraussichtlich am 15.7. in den Experiementierräumen der Verwaltung und am 31.7. am E-Damm. Bleiben Sie gespannt!

By |2021-07-06T11:40:06+01:0006.07.2021|

Auftaktveranstaltung “Zukunft der Innenstadt Hannovers” – Die Innenstadt als Wohnzimmer?

Am 3.6.2021 starteten wir mit 80 Teilnehmer*innen unseren Citydiskurs ZUKUNFTinnenSTADT mit der Veranstaltung „Zukunft der Innenstadt Hannovers“. Wir luden Stadtentwicklungsexpert*innen sowie Hannovers Bürger*innen ein mit uns über die Zukunft unserer City zu reden. Dr. Beate Hollbach-Grömig leitete mit der Definition des Begriffs Urbanität ein und erläuterte die Funktion des Handels, besonders vor dem Hintergrund der Corona-Krise. Prof. Tim Rieniets ergänzte andere wichtige Funktionen von Innenstädten. Er zeigte an einem Supermarkt, wie Handelsimmobilien, wie z. B. auch das Karstadt-Gebäude in Hannover, umfunktioniert werden können. Anschließend skizzierte Baudezernent Thomas Vielhaber Wege für Hannovers Stadtzentrum unter dem Eindruck der neuen Leipziger Charta und zählte Stärken und Schwächen der Hannover-City auf. Mit unseren Gästen konnten wir im anschließenden Dialog erkenntnisreiche Schlussfolgerungen ziehen. Die Metapher der Innenstadt als großer Tisch, an dem alle Bewohner*innen Platz finden, zog sich durch die Veranstaltung.

Nachdem Manfred Müller, Vorstandsvorsitzender des bbs und Jaqueline Knaubert-Lang, Leiterin der VHS Hannover, unsere Gäste begrüßten, referierte Dr. Beate Hollbach-Grömig zum Begriff „Urbanität“. Sie betonte, dass jede*r eine andere Vorstellung davon hätte. Unsere Innenstädte müssten diverser werden, damit jeder Platz am Tisch namens “Innenstadt” findet, weshalb auch die Nutzung von Gebäuden diverser werden müsse. Sie skizzierte die Funktionen einer Innenstadt und betonte die Bedeutung als Wirtschafts- und Arbeitsstandort im Rahmen nachhaltiger Stadtentwicklung, in der sozialer Zusammenhalt essentiell ist. “Beim Einkaufen in der Stadt geht es zunehmend um die Freizeit- und Erlebnisfunktion. Handelsorte sind auch Begegnungsorte”, so Hollbach-Grömig. Die Ergebnisse der Oberbürgermeister-Befragung 2021 des DifU zeigten, dass nach Klimapolitik, Verkehr und Digitalisierung die Innenstadtplanung erstmals als einer der wichtigsten Handlungsfelder gesehen wird. Es ist aber Geduld notwendig: Die Stadtentwicklungsexpertin schätzt, dass die Neuaufstellung einer Stadt fünf bis zehn Jahre dauert. Bis die Innenstadt ihre Attraktivität nach der Coronapandemie und dem mehr als 80%-igen Frequenzrückgang wiedergewinnt, wird es zwei bis drei Jahre dauern.

“Die Zukunft der Stadt kann nicht ohne die Innenstadt gedacht werden”, so Prof. Tim Rieniets. “Sie ist das symbolische Zentrum des Gemeinwesens Stadt. In einer Stadt wie Hannover ist es nicht ausgeschlossen, dass Menschen in getrennten Welten leben, doch alle kennen die Innenstadt. Sie ist wie das Wohnzimmer einer Wohngemeinschaft, in dem alle Platz finden”. Was können wir tun, damit das passiert? Auch Rieniets erklärt, dass der Einzelhandel gestärkt werden müsse, doch er spricht sich gegen die Monofunktionalität der City in Form des Einkaufens aus. Die öffentlichen Räume müssen genutzt, Verkaufsflächen reduziert und konzentriert werden. Rieniets sprach von weiteren “Frequenzbringern”, wie z. B. Fachmärkten, Produktionsstandorten, dezentralen Hotels oder Coworking-Spaces. In Planungen werden diese oft am Rande der Stadt gedacht. Wie wäre es, sie wieder in die Stadt zu holen? Mit diesen Nutzungen könnten Leerstände behoben und Freiräume belebt werden.  Einen solchen Leerstand gibt es in Hannover z. B. mit dem alten Karstadt-Gebäude. “Recycling-Möglichkeiten” für solche Großstrukturen gibt es viele, wie z. B. Wohngebäude oder Büros.

Den letzten Vortrag hielt Thomas Vielhaber, der seit 2020 Baudezernent in Hannover ist. Er äußerte sich ganz explizit zu seinem Erleben der Situation in Hannovers Innenstadt. Dabei hob er unter anderem hervor, dass die Universität in der Innenstadt nicht sichtbar ist. Auch dort lägen verborgene Potentiale zur Belebung der Stadt, die ebenso durch eine stärkere Verknüpfung zwischen Stadtteilen und City passieren könnte. Weiterhin spielt der Umbau zu einer klimaresilienten Innenstadt und damit die Schaffung neuer grüner Aufenthaltsorte eine zentrale Rolle. Als eine von Hannovers Stärken betonte er die innerstädtischen Arbeitsplätze als “Frequenzbringer”, sowie die grün-blaue Infrastruktur (Wasser- und Grünflächen) im Umfeld, die noch mehr Einzug in die Innenstadt finden müsse.  Nach den Geschäftszeiten müsse das Stadtzentrum mehr an Leben gewinnen. Bei diesen Herausforderungen können Experimente im Stadtraum helfen. Hier werden Straßenzüge oder Plätze zeitweise anders und innovativ genutzt, um neue Entwicklungsmöglichkeiten zu erproben. Vielhaber sprach in dem Kontext auch den Innenstadtdialog an, der Platz für die sogenannten „Reallabore“ bieten könnte.

In kleinen Diskussionsrunden wurde deutlich, was Hannovers Bürger*innen sich für die Innenstadt wünschen: mehr Lebendigkeit, Multifunktionalität, nicht-kommerziellen Aufenthalt und die Innenstadt als Ort des Zusammenkommens. Vorhandene Raumressourcen, wie etwa leerstehende Gebäude, müssen nachhaltig genutzt werden – mit Umbau statt Abriss.

Die drei Expert*innen fassten zusammen, dass die Stadtentwicklung die Aufgabe aller ist. Potenziale kreative Gruppen müssen genutzt werden. Hannover durchlebt durch Corona eine Krise, die aber als Chance genutzt werden kann. Hannovers Bürger*innen haben einen differenzierten Blick auf die Innenstadt. Ihre Perspektiven, müssen unbedingt in die Innenstadtentwicklung einfließen. “Stadtentwicklung ist ein Prozess, der nie endet”, betonte Vielhaber. Stadt hat sich immer geändert und wird sich immer ändern. Eins ist nach dieser Veranstaltung klar: Die soziale, gerechte und nachhaltige ZUKUNFTinnenSTADT kann nur gemeinsam geplant werden.

Abschließend erhalten Sie noch einmal die Möglichkeit, sich die Vorträge von Dr. Beate Hollbach-Grömig, sowie Prof. Tim Rieniets und Herrn Thomas Vielhaber in Gesamtlänge anzuschauen.

 

 

 

 

 

By |2021-09-10T20:26:11+01:0014.06.2021|

Wie können Wohnungs- und Obdachlose in Stadtgestaltungsprozessen besser beteiligt werden?

Für die Hannoveraner Wohnungs- und Obdachlosen hat sich in der letzten Zeit einiges getan. Mitte März wurde in der HAZ die Eröffnung eines Housing-first Projekts in Hannover-Vahrenwald verkündet. Insgesamt stand die Thematik der Wohnungs- und Obdachlosigkeit in den letzten Monaten immer wieder auf Grund verschiedener Vorkommnisse im Blick der Öffentlichkeit. Mit Projekten wie in Vahrenwald kann den Betroffenen eine Chance gegeben werden. Trotzdem gibt es noch viele weitere Wohnungs- und Obdachlose auf den Straßen Hannovers. Viele der Plätze und Orte, an denen sie sich aufhalten, sollen nun neu gedacht werden – im Zuge der Auseinandersetzung mit der Zukunft der Innenstadt. Diese soll gemeinsam mit der Bevölkerung erarbeitet werden. Die Beteiligung der Bürger*innen kann dabei sowohl direkt als auch über Interessenvertretung laufen. Leider sind eben die Menschen, die die Innenstadt selbst in Corona Zeiten nutzen, die Wohnungs- und Obdachlosen, häufig schwer erreichbar. Ein erster Anfang wurde nun getan – vom 19.04.21 bis zum 25.04.21 fand eine Online-Umfrage zum Thema Wohnungslosigkeit statt. Zudem soll im Sommer ein Bürgerpanel zu dem Thema aufgezogen werden. Bei diesen durchgeführten und noch geplanten Aktionen, stellt sich die Frage, wie Betroffene am besten in die Bürger*innenbeteiligung integriert werden können – damit auch diese Nutzer*innen der Stadt einen Einfluss auf ihre Gestaltung haben.

Die Hindernisse

Im Rahmen einer Studienarbeit habe ich zu dem Thema in Hannover mehrere Interviews mit Betroffenen und Expert*innen geführt. Es wurden unterschiedliche Perspektiven auf das Thema dargelegt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Hindernisse bei der Beteiligung zwischen der persönlichen und der strukturellen Ebene verzahnt sind.

Die ‚Gruppe‘ der Wohnungs- und Obdachlosen zeichnet sich durch eine große Heterogenität in vielen ihrer Probleme und Bedürfnissen aus. Ähnlichkeiten lassen sich aber bei ihren Grundproblemen finden: Jeden Tag zu schauen wo sie und ihre Dinge bleiben. In dieser Situation noch Zeit und Energie für anderes aufzubringen ist häufig nicht möglich. Marius (anonymisiert), der selbst Obdachlos ist, sagt dazu „Wenn ich eine Wohnung und so hätte, hätte ich mehr Zeit.“

Eine größere Bedeutung als die persönliche hat jedoch die strukturelle Ebene. Der Umgang mit Menschen aus dieser Gruppe kostet viel Überwindung. Nicht nur, dass man sich mit den eigenen Vorurteilen auseinandersetzen muss. Man wird auch mit dem eigenen Schamgefühl konfrontiert und begibt sich in Situationen außerhalb der Komfortzone. Das lässt sich schon am alltäglichen Umgang mit Obdachlosen erkennen. Die meisten Menschen schauen weg – die Obdachlosen werden ignoriert. Dabei ist genau dieses „Nichtgesehen werden“ für die Betroffenen häufig sehr schlimm.

Dieses Wegschauen ist auch abseits des Alltags vorhanden. In Gesprächen mit zwei Organisator*innen von Beteiligungsprozessen sagten beide, dass Wohnung- und Obdachlose von Auftraggeber*innen nicht als Zielgruppe für die Prozesse genannt werden. Der Beteiliger Oliver Kuklinski ging einen Schritt weiter und erklärte, dass das Ziel von Stadtumgestaltung häufig das Loswerden solcher ‚unerwünschten‘ Gruppen sei. Solange dieses Ziel bleibt und die Interessen Obdachloser schlechter vertreten werden als die anderer, finanziell stärkerer, Nutzer*innen der Orte, sollen Beteiligungsprozesse diese Gruppe nicht erreichen. Auch dadurch entstehen Prozesse, deren Rahmenbedingungen diesen Teil der Bevölkerung nicht beachten: Melanie Schlöndorff, die bei der Wagner’schen Stiftung Sozialarbeit leistet, erzählte von einer Veranstaltung zum Thema Obdachlosigkeit in Hannover, die vor einigen Jahren in der Orangerie stattfand. Bei dieser waren Obdachlose anwesend, aber es war ihnen nicht erlaubt ihre Hunde mit hineinzunehmen. Publikum und Podium bestand aus ‚Anzugtragenden‘. Die Betroffenen wurden durch die Umgebung und Gestaltung der Veranstaltung eingeschüchtert und konnten sich nicht mitteilen.

Wie kann es anders gehen?

Das Hindernis der existenziellen Sorgen kann nur durch eine Verbesserung der allgemeinen Situation der Betroffenen aus dem Weg geräumt werden. Da das schwer erreichbar ist, ist ein erster Ansatzpunkt eine Veränderung des Umgangs mit Wohnungs- und Obdachlosen. Die Menschen müssen angenommen und ihnen sollte, so weit wie möglich, auf Augenhöhe begegnet werden. Das bedeutet eine Anpassung der Rahmenbedingungen von Beteiligungsprozessen. Einen Termin für eine Veranstaltung im Rathaus zu vereinbaren ist für die Beteiligung von Wohnungs- und Obdachlosen nur selten erfolgreich. Auch die Verlegung der offiziellen Veranstaltung an den Ort, der verändert werden soll, führt eher zu einem Rückzug der Wohnungs- und Obdachlosen. Stattdessen sollte eine aufsuchende Beteiligung durchgeführt werden. Dabei werden die Betroffenen vor Ort in informellen Gesprächen nach ihren Wünschen und Bedürfnissen gefragt. So können Menschen erreicht werden, die anders nicht zu Wort kommen.

Wie bei anderen Bevölkerungsgruppen haben nicht alle Wohnungs- und Obdachlosen ein Interesse daran sich zu beteiligen. Das muss akzeptiert werden. Sie könnten durch einen Ausbau der Vertretung mitgedacht werden. Zum einen gibt es bereits jetzt Sozialverbände, die für die Interessen der Betroffenen eintreten. Eine andere Idee hat Volker (anonymisiert), der momentan wohnungslos ist, geäußert. Er schlägt vor, in Obdachlosenstellen wie Tagestreffs nach Vertreter*innen zu suchen, die das Thema der Obdachlosigkeit in die Öffentlichkeit rücken und sich für die Gruppe einsetzen. Dass Wohnungs- und Obdachlose sich einbringen, ist an der Zusammensetzung der Vereine ‚Stimme der Ungehörten‘ (StiDu e. V.) und auch der Initiative ArmutStinkt zu erkennen. In diesen sind auch Betroffene engagiert.

Die Beteiligungsprozesse sollten sich damit beschäftigen, wie sie auch die Menschen erreichen können, die häufig nicht gehört werden. Eine Auseinandersetzung mit ihren Perspektiven, Wünschen und Ideen ist nötig, damit das Hannover der Zukunft gerechter wird.

Ich möchte mich herzlich für die Informationen, die Unterstützung und die Zeit für die Interviews bei Marius, Volker, Reinhold Fahlbusch, Oliver Kuklinski, Claudia Schelp, Melanie Schlöndorf und Georg Rinke bedanken.

Alle zu sehenden Bilder wurden von Reinhold Fahlbusch geschossen.

By |2021-06-09T15:10:43+01:0009.06.2021|

25 Jahre Jubiläumsveranstaltung: „Zukunft Stadt“ – Leben in einem gerechten Hannover

Veranstaltet vom Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover e. V. (bbs) und der ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft fand am 19.04.2021 in den Abendstunden eine Online-Veranstaltung zum Thema „Zukunft Stadt“ statt. Moderiert durch Dr. Barbara Warner fanden sich etwa 60 Teilnehmer*innen für einen Austausch über städtische Gerechtigkeit und die Aussichten für Hannover zusammen.

Hannovers Bürgermeister Thomas Hermann bestärkte in den einleitenden Worten die Wichtigkeit von Gerechtigkeit und Chancengleichheit für die Stadt Hannover. Er wies auf den diesjährigen Start des hannoverschen Innenstadtdialogs hin und gratulierte im Namen der Stadt Hannover dem bbs zum 25-jährigen Jubiläum.

Geladene Gäste für eine wissenschaftliche Perspektive auf das Thema waren Prof. Dr. Tanja Mölders und Prof. Tim Rieniets von der Leibniz Universität Hannover. Prof. Rieniets eröffnete anfangs allen Teilnehmer*innen eine neue Sichtweise auf die „gerechte Stadt“. So stellte er die These auf, dass Städte zwar viele Ungerechtigkeiten vorweisen können, aber die größte Auswahl an Ressourcen aufweisen und damit aktiv zur individuellen Selbstverwirklichung beitragen. Zu diesen Ressourcen gehören z. B.: Wohnformen, Kultur, Soziales und Beteiligungsmöglichkeiten. Rieniets stellt die Stadt als solche damit über andere Siedlungsformen, da sie durch die Kombinationsmöglichkeiten der verschiedenen Ressourcen „produktiver“ ist.Eine spannende Brücke zwischen Raum- und Planungswissenschaften zu Geschlechterforschung wurde durch Prof. Dr. Tanja Mölders geschlagen. Sie betonte den Unterschied zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit. Man müsse dabei die unterschiedlichen Voraussetzungen bei unterschiedlichen Akteur*innen beachten. Dies habe vor allem die Frauen- und Geschlechterforschung zeigen können. Daher sei eine „ausgleichende Gerechtigkeitsplanung“ besonders wichtig. Außerdem sollten vor allem marginalisierte Bevölkerungsgruppen im Planungsprozess gehört und beachtet werden und ihre Raumnutzungsansprüche gefördert werden.

Neben der wissenschaftlichen Perspektive waren auch jene eingeladen, die bereits aktiv an einer gerechten Stadt in Hannover arbeiten. Initiativen und Vereine sind substantieller Teil der Zukunftsdiskurse unserer Stadt.

So stellte Corinna Weiler den Andersraum e.V. vor. Er führt Empowermentarbeit im Bereich der sexuellen Orientierung und Identität durch und setzt sich gegen Diskriminierung ein.

Dr. Moritz Engbers stellte eine integrierte Raum-, Verkehrs- und Sozialplanung vor. Bei „Social2Mobility“ soll es durch diese mehr soziale Teilhabe geben. Dies geschieht durch Workshops, Vernetzungsarbeit aber auc durch qualitative Befragungen von Familien und Haushalten. Ein gelungenes Beispiel für Beteiligungskultur!

Nicht nur alteingesessene Hannoveraner*innen sollen die Möglichkeit haben, sich aktiv am Stadtleben zu beteiligen sondern auch frisch zugegzogene Nachbar*innen. Dafür gibt es „ZWEIeinander“, ein Integrationsprojekt des Freiwilligenzentrums Hannover. Melanie Osthaus erklärte das Prinzip des Projektes: Viele neu Eingewanderte oder Geflüchtete besuchen zwar vormittags Sprachkurse, haben aber nachmittags kaum die Möglichkeit zum Austausch auf Deutsch und damit zur Anwendung des neu Erlernten. Durch Tandems mit Ehrenamtlichen entwickeln sich Gespräche und aus diesen Sprachfreundschaften.

Der Wissenschaftsladen Hannover und das Forschungszentrum TRUST der Leibniz Universität Hannover haben in einer Kooperation das Projekt „Zukunftsdiskurse Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ ins Leben gerufen, vorgestellt von Dominika Vogs. Dabei ist klar geworden: Es ist wichtig, Wissenschaft und Praxis zu verknüpfen. So soll zum Beispiel wissenschaftliche Expertise für Initiativen nutzbar gemacht werden. Das einjährige Projekt hat sich dies als Ziel gesetzt und hat dafür unter anderem Workshops angesetzt, in welchen die Zivilgesellschaft und die Wissenschaft ins Gespräch kamen. Neben den Workshops gab es Stadtteilinterviews, welche später Teil einer Social-Media-Kampagne waren.

Insgesamt haben die Vorstellungen der Initiativen gezeigt, dass die „gerechte Stadt“ nicht nur durch Politik und Verwaltung entsteht, sondern vor allem durch sich ins Stadtleben einbringende Vereine und Projekte. Diese werden durch die Stadt Hannover gefördert und sind damit wichtiges Bindeglied zwischen Verwaltungsebene und Bevölkerung.

Nachfolgend erhalten Sie die Möglichkeit, sich die einleitenden Worte von Thomas Hermann, sowie die wissenschaftlichen Inputs von Prof. Dr. Tanja Mölders und Prof. Dr. Tim Rieniets in Gesamtlänge anzuschauen.

 

 

 

Anlässlich des 25. Jubiläums hat das bbs eine Prämie von 250€ durch die Stadt erhalten! Danke an Thomas Hermann, der dem bbs für die Übergabe einen Besuch abstattete. Wir bedanken uns recht herzlich bei der Stadt Hannover für die unterstützende Zusammenarbeit in den letzten Jahren und freuen uns auf die zukünftigen Veranstaltungen.

           

 

Gerne wollen wir auch von Ihnen wissen, was Ihre Vorstellungen von einer gerechten Stadt sind! Wie stellen Sie sich ein gerechtes Hannover vor, in welchem Sie gerne leben?

Wir freuen uns über Ihren Beitrag für ein zukunftsfähiges Stadtleben in unserer Umfrage.

 

 

By |2021-07-28T11:21:33+01:0031.05.2021|

ZUKUNFTinnenSTADT

Was macht eigentlich die City aus? Das Ladensterben gibt es schon lange, Corona brachte Lockdowns, Belit Onay versprach Autofreiheit, die Verwaltung beginnt einen groß angelegten Innenstadtdialog. Alles dreht sich um die Innenstadt.

Auch das Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover e. V. (bbs) stellt 2021 und 2022 die kooperative Entwicklung der Innenstadt in den Fokus seiner Arbeit. Über das Jahr hinweg werden in digitalen und analogen Veranstaltungen, mobil in den Stadtteilen und an einem zentralen Veranstaltungsort zahlreiche Facetten der Innenstadt Hannovers beleuchtet.

Ziel ist es, eine Vision für die Innenstadt Hannovers zu kreieren und damit einen gehaltvollen Beitrag zur Stadtentwicklung zu leisten. Auf dem Weg dahin inspiriert die Reihe Bürger*innen sich mit der Innenstadt auseinanderzusetzen und pflanzt Ideen, wie sie attraktiver, lebendiger und vor allem gerechter werden kann. In den zwei Jahren thematisiert das Programm viele Gesichtspunkte, wobei das Schwerpunktthema „Gerechte Stadt“ des bbs immer mitschwingt.

Um möglichst viele Vision einzufangen, passiert „ZUKUNFTinnenSTADT“ auf mehreren Bühnen: analog, digital und mobil.

Jeden ersten Donnerstag im Monat laden wir Expert*innen ein, mit uns über bestimmten Innenstadt-Themen zu sprechen. Gemeinsam mit unseren Gästen aus der Stadtgesellschaft und Fachleuten – nicht nur aus Hannover – diskutieren wir über die gerechte Zukunft der Innenstadt und lassen uns von guten Beispielen und mutigen Initiativen inspirieren. Profis ermöglichen eine Draufsicht und zeigen Beispiele aus anderen Städten und innovative Perspektiven auf. Aus welchen Visionen wurde bereits Realität? Ergänzend kommen lokale Akteur*innen, Projekte und Initiativen zu Wort, die ihre Eindrücke aus Hannover schildern und Ideen vorstellen. In den monatlichen Veranstaltungen wollen wir auf diese Weise wichtige innerstädtische Teilthemen diskutieren. Zum Beispiel Innenstadt als Kulturraum, Öffentliche Räume, Grün und Natur, Mobilität im Zentrum, Rückkehr des Wohnens, Jugend in der Innenstadt u.v.m. Aus jeder Veranstaltung nehmen wir Thesen mit, die am Ende ein Gesamtbild erzeugen. Wir freuen uns sehr, bei unserer Donnerstags-Veranstaltung mit der Ada-und-Theodor-Lessing-Volkshochschule Hannover zu kooperieren. Sobald es die Pandemie zulässt, werden wir uns dort im Saal treffen.

Die Auftaktveranstaltung “Zukunft der Innenstadt Hannovers” findet am 3.6.2021 im digitalen Raum statt. Geladen sind unter anderem  Dr. Beate Hollbach-Grömig (DifU Berlin), Prof. Dr. Tim Rieniets (LUH) und Hannovers Baudezernent Thomas Vielhaber.

Die Diskussion soll nicht allein auf zentralen Veranstaltungen stattfinden. Auch die Stadtteile bleiben zentral. Ein Aspekt von ZUKUNFTinnenSTADT heißt darum „Die City kommt zu dir“. Gemeinsam mit Politik zum Anfassen e. V. sind wir in Hannovers Stadtteilen unterwegs und beteiligen Passant*innen aktiv am Gespräch über die Innenstadt. Wir sammeln Eindrücke und Ideen, sprechen über Wünsche und Erkenntnisse und nehmen alles mit in die Donnerstags-Reihe.

Die Diskussion rund um ZUKUNFTinnenSTADT darf nicht nur analog stattfinden. PLACEm, eine App von Politik zum Anfassen e. V, ermöglicht Beteiligung rund um die Uhr. Jede*r kann sich äußern. Wir freuen uns auf Anregungen, Skizzen, Kritik und Wünsche für Hannovers Innenstadt. Die App wird mit aktuellen Terminen und Ergebnissen vergangener Veranstaltungen versorgt. Wer immer up to date sein möchte, tritt am besten schon mal unserem Place „ZUKUNFTinnenSTADT“ bei. Dafür muss die App runtergeladen werden. Unter “Places” könnt ihr über das Plus einem Place beitreten, indem ihr den QR-Code scannt.

Seid herzlich eingeladen, euch den 3.6. und 8.7 im Terminkalender zu markieren. Lasst uns gemeinsam Hannovers Potenziale entdecken und überlegen, wie die Innenstadt attraktiver, lebendiger und vor allem gerechter werden kann.

By |2021-05-17T12:13:33+01:0022.04.2021|

Ideen bei der Stadt einreichen – und Antwort erhalten

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

viele von uns treibt die Frage um, wie wir als Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Hannover unsere Anliegen und Anregungen gezielt in laufende verwaltungs- bzw. politische Prozesse einbringen können.

Bei dieser Frage kann man auch die rechtlichen Grundlagen wie die Kommunalordnung des Niedersächsischen Kommunalverfassungsgesetzes (NKomVG) anschauen. Dort gibt es den Paragrafen §34 NKomVG.

In diesem steht, dass Einwohnerinnen und Einwohner der Kommune unmittelbare Anregungen entgegenbringen dürfen. Diese werden dann bearbeitet, den Fraktionen zugeleitet und wir als Anregungsgeberin bzw. -geber bekommen gesichert eine Antwort. Allerdings geschieht das in der Regel nur dann, wenn wir im Anschreiben den §34 NKomVG explizit angeben.

Um das für uns alle einfacher zu machen, haben wir einen Musterbrief eingestellt. Sie können ihn gerne herunterladen.

Über Rückmeldungen zu Ihren Erfahrungen würde ich mich sehr freuen.

Ihr Manfred Müller

P.S. hier der §34 NKomVG:

Anregungen, Beschwerden

1 Jede Person hat das Recht, sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich

mit Anregungen und Beschwerden in Angelegenheiten der Kommune an die Vertretung zu wenden.          

2 Die Zuständigkeiten des Hauptausschusses, der Ausschüsse der Vertretung, Stadtbezirksräte und Ortsräte und der Hauptverwaltungsbeamtin oder des Hauptverwaltungsbeamten werden hierdurch nicht berührt.

3 Die Vertretung kann dem Hauptausschuss die Prüfung von Anregungen und die Erledigung von Beschwerden übertragen.

4 Die Antragstellerin oder der Antragsteller ist darüber zu informieren, wie die Anregung oder die Beschwerde behandelt wurde.

5 Einzelheiten regelt die Hauptsatzung.      

By |2021-04-16T15:52:08+01:0016.04.2021|

Jahresbericht 2020

2020: ein Jahr wie kein anderes. Corona hat auch unsere Jahresplanung ins Wanken gebracht, doch wir blicken auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Wir hatten allen Grund zum feiern: Das bbs wurde 25 Jahre alt! Das Jahresprogramm lief unter dem Motto “Zukunft Stadt – Leben in einem gerechten Hannover”, wozu wir eine ganze Reihe interessante hannoveranischer Statements gesammelt haben. Wir konnten wieder viele Projekte über HannoverMachen unterstützen. Dank digitaler Veranstaltungen war es weiterhin möglich uns zu vernetzen und aktiv zu sein.

Ausführlich über unsere Aktivitäten in 2020 berichten wir in unserem Jahresbericht, den wir zum Download bereitstellen.

By |2021-03-29T10:35:27+01:0029.03.2021|

Bürgerräte für Hannover?

Das Thema Bürger*innenbeteiligung ist in Hannover nicht neu. Insbesondere in den 90er Jahren hatte Hannover eine klare Vorreiterrolle. Obwohl andere Städte aufgeholt haben und die Quantität an Bürger*innenbeteiligung in Hannover in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist, wie einige Bürgerinitiativen mit Unmut äußerten, gibt es klare Tendenzen, dem entgegen zu wirken.

Im Vorfeld der Oberbürgermeisterwahl fand eine Veranstaltung des Forums Bürgerbeteiligung in der Marktkirche statt, bei der alle Kanditat*innen für die Position des*der* Oberbürgermeister*in anwesend waren. Dies ist mittlerweile über ein Jahr her, weswegen sich das Bürgerbüro die Frage gestellt hat, wie es mit dem Thema kooperative Stadtentwicklung und der Entwicklung der lokalen Demokratie weitergeht. Im Zuge dessen fand die Veranstaltung „Lebendige, lokale Demokratie: Der Hannoversche Weg“ im Kulturzentrum Pavillon statt. Unserem Gast Claudine Nierth – Expertin für Bürger*innenräte – wurde durch Statements von Vertreter*innen von Bürgerinitiativen und Vereinen aufgezeigt, wie die hiesige Beteiligungs-Landschaft aussieht: Uwe Staade von der Bürgerinitiative Wasserstadt Limmer hat sich beschwert, dass in der Wasserstadt seit 5 Jahren keine Bürger*innenbeteiligung mehr stattgefunden hat und dass es einen Mangel an Handlungsbereitschaft seitens der Stadtverwaltung gibt. Auch Gerd Runge von der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum ist unzufrieden darüber, dass Umgestaltungswünsche seit Jahren durch die Verwaltung blockiert werden.  Bernd Teunert von der Initiative Pro Kronsberg fühlt sich von der Verwaltung abgewiesen und wünscht sich eine Koordinierungsstelle bei der Stadt Hannover. Democracy in Motion, vertreten durch Klaus Windolph, fordert einen Beteiligungsrat, der aus 25 Mitgliedern besteht und für 3 Jahre eingesetzt wird. Die Mitglieder werden durch eine Zufallsauswahl mit einem qualifizierten Verfahren über 21 Kriterien ermittelt.

Gemeinsam mit dem Publikum, dem Oberbürgermeister und drei Ratsherren wurde diskutiert, wie eine Verbesserung der aktuellen Situation zu erreichen ist. In Anbetracht der aktuellen Situation konnten leider nur 50 weitere Gäste teilnehmen. Zum Großteil fand das Gespräch zwischen der Bühne und der ersten Reihe statt, jedoch hatte auch das Plenum die Möglichkeit, an das Mikrofon zu treten und ihre Wünsche, Forderungen oder Kritik zu äußern.

Claudine Nirth wurde als kundige Gesprächspartnerin in Sachen Bürger*innenbeteiligung eingeladen. Sie ist die Vorstandsvorsitzende des Vereins „Mehr Demokratie“, der bereits im Auftrag des Bundestages einen Bürgerrat auf Bundesebene initiiert hat. In unserer Veranstaltung hat sie darüber gesprochen, in wie fern man einen Bürgerrat auch auf kommunaler Ebene realisieren kann und welche Voraussetzungen dafür benötigt werden.

Nirths Meinung nach braucht es für gute Entscheidungen einen Dreiklang: Die repräsentative Demokratie, zum Beispiel Stadt- und Bezirksräte, trifft politische Entscheidungen. Wenn unlösbare oder kritische Fragen auftreten, kann eine Konsultative, also Bürgerräte, die repräsentative Demokratie beraten. Ist das dadurch erzielte Ergebnis für die Mehrheit der Bevölkerung nicht tragbar, sollen Bürger*innen die Möglichkeiten der direkten Demokratie – zum Beispiel Volksentscheide – nutzen können.

Der Bürgerrat ist ein dialogisches Format, das die Politik zu einer spezifischen Frage berät und zu diesem Zweck zeitlich befristet einberufen wird. Er ist nicht repräsentativ, sondern setzt sich aus zufällig ausgewählten Bürger*innen zusammen. Aus den gelosten Personen wird ein Querschnitt genommen, der sich zum Beispiel nach den Kriterien Geschlecht, Alter, Migrationshintergrund und höchster Bildungsabschluss richtet. Zu dem Aspekt hat Claudine Nirth angemerkt, dass das Verständnis und Interesse an Politik bei den Mitgliedern sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Ihrer Erfahrung nach haben am Ende dennoch alle Beteiligten die Teilnahme am Bürgerrat als eine große Bereicherung empfunden. Außerdem genießt das Format auch in Öffentlichkeit und Parlament eine große Akzeptanz. Ihre Traumvorstellung wäre, dass Bürger*innen „von unten“ Bürgerräte initiieren dürfen. Diese beschäftigen sich mit Fragestellungen und Themen, über die sich gewählte politische Vertreter*innen nicht einig werden und nehmen so eine wichtige beratende Funktion ein. Die Grundvoraussetzungen für die Implementierung und das Funktionieren der Bürgerräte sind das ernsthafte Interesse an den Ergebnissen und die Transparenz, dass „nur“ beraten wird und nicht entschieden. Für die Umsetzung und Durchführung dieser Räte wird ihrer Meinung nach eine Koordinierungsstelle, sowie ein*e einflussreiche*r, engagierte*r Fürsprecher*in benötigt. Etablieren sollte man diese Kultur durch eine Beteiligungssatzung.

Manfred Müller ist im Vorstand des Bürgerbüros Stadtentwicklung. Er betont die große Bedeutung, die die Bezirksräte in Hannover haben sollten. Sie sind gewählte Vertreter*innen der Bürger*innen und auf Augenhöhe mit dem Oberbürgermeister. Somit kann der Bezirksrat dem Bürgermeister die Beschlüsse und Forderungen der Bürger*innen direkt, ohne Einbezug eines weiteren Gremiums, kommunizieren.

Es ist wichtig, hier zwischen Bürgerräten und Beteiligungsräten zu unterscheiden. Bürgerräte werden einmalig, immer projektbezogen und zeitlich befristet (maximal sechs Monate) einberufen. Sie beraten die Politik zu einer Fragestellung, bei der keine befriedigende Einigung erzielt wird. Es handelt sich nicht um ein dauerhaftes Gremium, das alle Bauprojekte oder Veränderungen der Stadt begleitet. Dagegen ist der Beteiligungsrat, wie er von „Democracy in Motion“ vorgeschlagen wird, längerfristig angedacht. Neben aktuellen Prozessen nimmt der Beteiligungsrat selbstständig Projekte ins Visier, die er als wichtig erachtet und bestimmt die Verfahren, nach denen Beteiligung stattfindet. Er wirkt immer konsultativ, als Ergänzung der Bezirksräte, mit denen eng zusammengearbeitet werden soll.

Belit Onay, der Oberbürgermeister von Hannover, betont auch die Bedeutung der Bezirksräte. Darüber hinaus sieht er die entscheidenden Stellschrauben im Bereich der Bürger*innenbeteiligung darin, klare Rahmenbedingungen und Leitlinien zu entwickeln, sodass ein festes Regelwerk für die Handhabung von Beteiligung gegeben ist. Dennoch brauchen unterschiedliche Projekte und Bezirke unterschiedliche maßgeschneiderte Lösungen, sodass nicht nur die gut Organisierten zu Wort kommen. Um genau dieses Problem zu lösen, hält er Bürgerräte für sinnvoll. Durch diese wird auch Menschen Teilhabe ermöglicht, die sich nicht so gut artikulieren können oder aus anderen Gründen wenig Zugang zu anderen Beteiligungsformaten haben. Häufig sind es seiner Meinung nach aber genau die Personen, die von Baumaßnahmen am meisten betroffen sind. Er ist für mehr Transparenz und eine bessere Informationspolitik.

Daniel Gardemin (Grüne) ist Ratsherr, Fraktionsvorsitzender der Bezirksratsfraktion Linden-Limmer und Vorsitzender des Stadtverband Hannover. Er ist der Meinung, dass es in Hannover keine Politik-verdrossenheit gibt, da die Wahlbeteiligung in den letzten Jahren sogar gestiegen ist. Viel eher gibt es eine Verdrossenheit gegenüber den Menschen, die Politik machen. Hierbei spricht er von einer Krise der Repräsentation. Als Antwort darauf sieht er einen notwendigen Anstieg an niedrigschwelliger Beteiligungsmöglichkeiten. Gegen die Entfremdung will er mit bestimmten Instrumenten vorgehen, um die Menschen wieder zu mobilisieren. Hierbei nennt er eine bessere Informationspolitik zu Veränderungen im Stadtteil. Auch eine frühe Einbindung in Prozesse sowie einen Bürgerrat bei größeren Projekten, empfindet er als Notwendigkeit. Die Aufgabe des Mehrheitsbündnisses aus Grüne, FDP und SPD sieht er darin, Beteiligung zu institutionalisieren, sodass mehr Sicherheit und Zufriedenheit in Stadtbevölkerung sowie Verwaltung entstehen kann.

Wilfried Engelke (FDP) ist Ratsherr und Bezirksratsherr im Stadtbezirk Mitte. Er betont, dass es in Hannover immer wieder gute Beteiligungen, wie beispielsweise die Umgestaltung der Köngsworther Straße, gegeben hat. Aufgrund der Alltagserfahrungen der Anwohnenden konnten diese in dem Prozess hilfreiche funktionale Anregungen äußern und den Prozess somit voranbringen. Trotz der positiven Erfahrungen sind sich die drei Koalitionspartner einig, dass das Format Bürger*innenbeteiligung in Hannover einiger Verbesserungen bedarf und optimiert werden kann. Hierbei sieht er eine Chance im gelosten Bürgerrat und hofft, dass die Bürger*innen diese Chance auch wahrnehmen. Dieser Rat sollte eng mit den Bezirksräten zusammenarbeiten, da diese die Basis der Stadt sind, in direktem Kontakt mit den Bürger*innen stehen und ihren Stadtteil gut kennen. Engelke spricht sich dafür aus, bei Beteiligungsverfahren nicht nur auf Verwaltung, sondern auch auf externe Expert*innen, wie beispielsweise das bbs, zu setzen, wobei die Verwaltung die Ergebnisse gegebenenfalls implementiert. Als mögliches Problem sieht der Politiker, dass es bei dem Bürgerrat nur darum geht, Anregungen zu geben und letztendlich die Politik entscheidet, wie etwas gemacht wird. Dies muss vorher deutlich kommuniziert werden.

Jens Menge (SPD) ist Ratsherr und Bezirksratsherr im Stadtbezirk Ricklingen. Er spricht sich vor allem für die Stadtbezirksräte aus und bestätigt, dass diese sehr wichtig sind, da sie nah an den Bürger*innen und quasi Nachbarn sind. Die vor einigen Jahren eingeführten Stadtbezirksmanager*innen fungieren jedoch nicht als Stadtbezirksratsmanager*innen, sondern sollen das Gesicht der Verwaltung für die Bürger*innen und von ihnen ansprechbar sein. Sie agieren als Scharnier zwischen den Anliegen der Bürger*innen und der Verwaltung. In diesem Bereich sieht er Optimierungsbedarf. Die Anliegen müssen besser aufgenommen und weiteregegeben werden. Seiner Meinung nach muss Bürger*innenbeteiligung von der Spitze initiiert und von Anfang an mitgedacht werden. Außerdem bedarf es für eine funktionierende Beteiligung gut geschultes Personal.

Der Oberbürgermeister und die Vertreter der drei Farben aus der Ampel im Rat sind sich einig, dass Bürger*innenbeteiligung ein zentrales und wichtiges Thema ist. Den Hannoverschen Weg in Richtung kooperativer Stadtentwicklung und einer Weiterentwicklung der lokalen Demokratie wollen sie gemeinsam gehen und stehen Bürgerräten positiv gegenüber. Sie sind sich auch einig, dass dieser Rat nicht mehr als eine beratende Funktion haben kann. Da es noch keine konkrete Planung für Bürgerräte gibt und es bis zu deren Etablierung noch lange dauert, stellt sich den Bürger*innen und Initiativen die berechtigte Frage: Was ist die Zwischenlösung, bis es Bürgerräte gibt?

Manfred Müller macht Hoffnung und lobt die Einrichtung der Koordinierungsstelle für Beteiligung von Einwohnerinnen und Einwohnern. Er appelliert dringend an die Politiker*innen, die beschlossene Einführung einer strukturierten Bürger*innenbeteiligung im Prozess von „Mein Hannover 2030“ noch in dieser Legislaturperiode umzusetzen.

Autorin: Lena Skade, Praktikantin im Bürgerbüro

By |2020-11-25T13:12:26+01:0025.11.2020|

Lebendige, lokale Demokratie: Der Hannoversche Weg

Am 22.09.2020 fand unsere Veranstaltung zum Thema “Lebendige, lokale Demokratie: Der Hannoversche Weg”, statt. Mit verschiedenen Gästen, unter anderem dem Oberbürgermeister Belit Onay, sowie Vertretern der Parteien FDP, SPD und Grüne wurde darüber diskutiert, wie wir die lokale Demokratie konkret in Hannover weiterentwickeln können. Außerdem wurde über Bewegungen hin zu mehr Bürger*innenbeteiligung gesprochen. In den folgenden Videos könnt ihr euch entweder in der kurzen Version die zentralen Statements unserer Gäste noch einmal anhören oder in der langen Version die gesamte Veranstaltung nachträglich miterleben.

By |2020-10-15T12:55:18+01:0015.10.2020|

Flächengerechtigkeit – ein Leitbild der Verkehrsplanung?

Velorouten, Lastenräder und die autofreie Innenstadt. Weg von den Autos und hin zu alternativen Verkehrsmitteln in der Stadt. Oder wie Andreas Knie auf dem HAZ Mobilitätsforum sagte: Die Städter*innen erobern sich ihren Lebensraum von den Autos zurück. Der Trend scheint klar, aber woran liegt das? An der Effizienz von Fahrrädern gegenüber Autos in der Stadt? Am Klimabewusstsein und der Suche nach möglichst nachhaltigen Verkehrsmitteln? Oder möchten die Hannoveraner*innen einfach fit bleiben?

Der Küchengarten

Die SpeakUp! Box, ein hannoversches Projekt, hat am 4. September auf dem Küchengartenplatz hannoveraner Bürger*innen gefragt, was sie vom Küchengarten halten und wie sie sich die Zukunft des Küchengartens vorstellen. Hier  treffen nicht nur Linden Nord und Linden Mitte aufeinander, sondern auch die Elisenstraße, die Limmerstraße, die Blumenauer Straße, die Fössestraße und die Spinnereibrücke.  Genau diese Kreuzung sorgt für reichlich Konflikt. Lange Wartezeiten an den zahlreichen Ampeln und unübersichtliche Straßenführungen sorgen dafür, dass man sich als Fahrradfahrer*in oder Fußgänger*in auf der Kreuzung nicht sicher fühlt. „Es fühlt sich immer so an, als könnte es gleich zu einer gefährlichen Situation kommen“, sagt beispielsweise ein Lindener.

Die Hannoveraner*innen haben klare Wünsche

Bei meiner Befragung ist eines klargeworden: Die Hannoveraner*innen setzen auf Fahrräder. Viele erhoffen sich von der Neugestaltung des Küchengartens, dass den Fahrradfahrer*innen endlich mehr Platz zugesprochen wird und dass auch Fußgänger*innen berücksichtigt werden. Ein Anwohner merkt beispielsweise an, dass man keine vier Autospuren brauche und stattdessen zwei Spuren den Fahrradfahrer*innen überlassen könne. Diese sollten sich aber auch an den tatsächlichen Bedürfnissen der Radfahrer*innen orientieren, merkt ein anderer Anwohner an. Oft beobachte er, dass die Radler*innen über rot fahren oder sich nicht an alle Verkehrsregeln halten. Indem man die Verkehrsführung nicht nur an den Autos ausrichtet, sondern auch alle anderen berücksichtigt, könne man diesem Problem entgegenwirken. Die Tendenzen sind also eindeutig und die Stimme der Anwohner spricht sich klar für mehr Platz für Fahrradfahrer*innen und Fußgänger*innen aus. Doch woran liegt diese Einigkeit?

Flächengerechtigkeit – die Devise der Zukunft?

All diese Punkte – Fläche von den Autos für andere Teilnehmer*innen des Verkehrs zurückzugewinnen, Fußgänger*innen und Radfahrer*innen zu berücksichtigen und die Stadt nutzbarer zu machen – sind Aspekte von Flächengerechtigkeit. Also der Anspruch an die Stadt, die verfügbare Fläche „gerecht“ unter allen aufzuteilen und dabei alle Verkehrsteilnehmer*innen zu berücksichtigen. Obwohl kaum jemand im Rahmen der SpeakUp! Box oder der Befragungen das Konzept der Flächengerechtigkeit nennt, war der Wunsch nach ihr allgegenwärtig. Aspekte wie Umweltschutz und Reduktion von Luftverschmutzung und Treibhausgasen wurden bei der Beurteilung der Verkehrssituation nicht genannt.

Die Idee der Städter*innen von Fortbewegung in der Stadt hat sich klar verändert. Das Fahrrad, E-Bike oder Lastenrad als Hauptverkehrsmittel ist selbstverständlich geworden und auch die Entscheidung, in der Stadt kein Auto mehr zu besitzen ist keine Seltenheit mehr. Damit geht einher, dass von Politik und Verwaltung selbstverständlich erwartet wird, sich diesen Veränderungen anzupassen. Am 07. Oktober hat Belit Onay die erste von acht geplanten Velorouten eröffnet, die die Stadtteile Hannovers mit der Innenstadt und untereinander verbinden sollen. Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung. Bleibt zu hoffen, dass ein solcher Schritt auch am Küchengarten gegangen wird.

Autorin: Janne Zerbe, Praktikantin im Bürgerbüro

By |2020-10-14T13:39:29+01:0014.10.2020|

Urbane Konflike und die Krise der Demokratie

Die repräsentative Demokratie steckt in der Krise: Populistische Ideen und Strömungen gewinnen an Einfluss, was dazu führt, dass das Vertrauen in politische Strukturen abnimmt. Dies ist jedoch nicht nur in ländlichen Regionen, sondern auch in urbanen Räumen zu beobachten. Zu diesem Thema haben Studierende an Universitäten in Jena und Tübingen das Forschungsprojekt PODESTA (Populismus und Demokratie in der Stadt) durchgeführt. Ausgangsfrage hierbei ist der Zusammenhang von Stadtentwicklung und Rechtspopulismus. Am 8. und 9. Oktober werden die Ergebnisse dieser Forschung im Rahmen der Online-Tagung „Urbane Konflikte und die Krise der Demokratie – Stadtentwicklung, Rechtsruck und soziale Bewegungen“ vorgestellt und diskutiert. Diese bietet zudem ein Forum für die Analyse der politischen Situation und die Auseinandersetzung um Strategien gegen Rechtsruck und Autoritarismus. Wenn du an der Tagung und den Diskussionen teilnehmen willst, kannst du gerne deine Anmeldung an info@podesta-projekt.de schicken. Weitere Informationen findest du auf der Website!

By |2020-09-29T14:15:38+01:0029.09.2020|

Call for Membership – ARL

Wie klimaangepasst können wir planen, bauen und entwickeln? Was ist zielführend und wie lernen wir aus guten (und schlechten) Beispielen?

Um auf diese Fragen eine Antwort zu finden, richtet die Akadamie für Raumentwicklung in der Leibnizgesellschaft einen Arbeitskreis zum Thema “klimaangepasste Stadt- und Regionalentwicklung“ ein und ist auf der Suche nach Mitgliedern. Zur Mitwirkung werden Fachpersonen aus Wissenschaft und Praxis mit Expertise in der Stadt- und Regionalentwicklung, der räumlichen Planung (Stadt-, Regional-, Raum- oder Landschaftsplanung und weitere Fachplanungen), den Raum-, Umwelt-, Sozialwissenschaften sowie aus Verbänden oder Organisationen gesucht, die sich durch dieses Thema angesprochen fühlen. Leiter des Arbeitskreises ist PD Dr. Marco Pütz, Eidg. Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf/Zürich.
Du hast Interesse? Dann schick deine Bewerbung bis 02.08.2020 an Dr. Barbara Warner (warner@arl-net.de)! Weitere Informationen findest du auf der Website!

Photo by 贝莉儿 DANIST on Unsplash

By |2020-07-08T10:39:23+01:0008.07.2020|

Bürger*innenbeteiligung Ihme-Zentrum

Mit dem Projekt “Durchwegung” soll die Fuß- und Radwegeverbindung im Ihme-Zentrum zwischen Ida-Arenhold-Brücke und der Blumenauer Straße ab Anfang 2021 saniert und aufgewertet werden. Dafür stehen zwei Varianten zur Diskussion, die gemeinsam vom Düsseldorfer Architekturbüro RKW und hannoverschen Grünplanern vorgelegt wurden.

Die Bürger*innenbeteiligung läuft noch bis zum 19. Juli. Deine Stimme kannst du auf drei Arten einbringen:

  1. Online auf der Website
  2. Bei Infoterminen vor Ort (Anmeldung erforderlich) oder
  3. Per Ideenbriefkasten mittels spezieller Postkarte auf der Ida-Arenhold-Brücke

Foto: https://ihme-zentrum.info/

By |2020-07-02T10:26:27+01:0002.07.2020|

SAVE THE DATE ! 22. September 2020 Lokale, lebendige Demokratie

Wir wollen gemeinsam mit Ihnen über die Möglichkeiten der Entwicklung der hannoverschen Demokratie diskutieren!

Wann? Dienstag, der 22. September um 17 Uhr

Wo? Kleiner Saal im Pavillon

Wer? u. a. mit dabei ist Claudine Nierth von Mehr Demokratie e. V. und viele weitere spannende Gäste

 

– bleiben Sie gespannt!

By |2020-06-18T11:53:02+01:0011.06.2020|
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