ZUKUNFTinnenSTADT

Straße – Macht – Stadt

Innenstadt als Lebensraum (05.05.22)

RednerInnen

Thesen

  1. Planungsleitbilder müssen sich ändern, Flächengerechtigkeit muss Grundlage der Planung sein.

  2. Bei der Frage, ob Kinder sich selbständig bewegen können oder abhängig vom Auto ihrer Eltern sind, spielt die gebaute/gestaltete Umwelt eine zentrale Rolle.

  3. Hannovers Innenstadt braucht eine Do-it-yourself-Mentalität mit kleinteiligen Experimenten und der mutigen Umnutzung bestehender Strukturen.

  4. Es gibt in Hannover bereits viele gute, innovative Beispiele für Straßen und Plätze, diese müssen multipliziert werden.

  5. Autos parken muss teuer sein, besonders in wohlhabenden Quartieren. Parkraumbewirtschaftung kann sich an wirtschaftlichen bzw. sozialen Kriterien orientieren.

  6. Hannovers Cityring als Grenze muss durchbrochen werden.

  7. Entschleunigung und langsamer Verkehr bieten große Chancen zur Nutzung des öffentlichen Straßenraums durch alle Generationen.

  8. Superblocks, Spielstraßen und Shared Spaces eröffnen neue Räume: Durchgangsverkehr nur auf Hauptstraßen.

Raum zum Leben, für Aufenthalt und Begegnung sowie Klimaanpassung und mobil sein auch ohne Auto: Am 05.05.2022 diskutierten ca. 50 Gäste im Saal der Volkshochschule Hannover (VHS) gemeinsam mit dem Bürgerbüro Stadtentwicklung (bbs) über ihre Bedürfnisse nach einer Vielgestaltigkeit der Straßen in Hannovers Innenstadt. Es war die achte Veranstaltung des bbs in Kooperation mit der VHS Hannover in der Reihe „ZUKUNFTinnenSTADT“. Moderiert von den beiden Vorstandsmitgliedern Prof. Tanja Mölders und Swantje Michaelsen (MdB) wurde nachgefragt, wofür und für wen Straßen eigentlich da sind und wie es gelingen kann, dass *alle* Stadtbewohner*innen mehr Nutzungsmöglichkeiten auf unseren Straßen haben als Parken und Autofahren.

Denn wie ist die Situation heute, wie bewegen wir uns eigentlich in der Stadt fort? Diese Frage wurde mittels eines Rollenspiels aus unterschiedlichen Perspektiven beantwortet: Einem fiktiven 9jährigen Kind, der 14 Jährigen, der alleinerziehenden Frau und dem berufstätigen Mann wurden Fragen zu ihrem Mobilitätsverhalten und selbstständigen Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum gestellt. Die Gäste durften je nach der Antwort der ihnen zugewiesenen Rolle Schritte von der Startlinie weg machen. Dass sich nach nur wenigen Fragen ein sehr breites “Feld” ergab, weist anschaulich darauf hin, dass wirtschaftlicher Hintergrund, Geschlecht und Alter ganz konkrete Auswirkungen auf Mobilitätsverhalten und Bewegungsmöglichkeiten haben. Es gibt große Gruppen, die wortwörtlich zurückgelassen werden und deren Bedürfnisse im Ist-Zustand nicht berücksichtigt werden.

Daran anknüpfen sollte ein Vortrag von Steffen Brückner, der kurzfristig verhindert war. Die Perspektive der Kinder auf den Straßenraum, die Brückner durch die Kinder-Fahrraddemo “Kidical Mass” stärken will, wurde trotzdem thematisiert. Dabei wurde deutlich, dass die meisten Kinder von den Eltern und deren PKW abhängig sind. Die gebaute Umwelt spielt dabei eine zentrale Rolle, viel zentraler als das Alter: Komme ich mit dem Rad autofrei zur Schule? Wie viele große Straßen muss das Kind kreuzen? Wie weit ist die Schule entfernt?

„Der öffentliche Raum ist nicht fair verteilt“

Als weitere Expertin war Juliane Krause eingeladen. Sie setzt sich als Verkehrsplanerin für nachhaltige Mobilität aus Genderperspektiven und den Anforderungen der nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmer*innen auseinander. Sie berichtete, dass es durch eine gelungene Stadtplanung möglich ist, dass öffentlicher Raum nicht als Angstraum wahrgenommen wird, sondern als Ort zum Verweilen, zum Spielen oder zur Kommunikation. Ziel solcher Planung sei es, ein sicheres, eigenständiges Leben für jede*n zu gewährleisten, seien es Frauen, Menschen mit Einschränkungen, Kinder oder Senior*innen. Um dies zu erreichen, brauche es kurze Wege zur Nahversorgung, Sicherheit und Barrierefreiheit sowie genügend Abstellplätze für Fahrräder, Rollatoren, Kinderwagen, etc.. , so Juliane Krause. „Der öffentliche Raum ist Lebensraum, den wir uns wieder aneignen müssen“, so die Expertin. Je vielgestaltiger ein Ort geplant ist, desto mehr steigt auch die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Entschleunigung im Straßenverkehr ist für die Wiederaneignung der Straßen als Lebensraum ein Kernelement. Eine verkehrsberuhigte Innenstadt lädt dazu ein, bestehende Qualitäten besser zu nutzen. Im Vortrag zeigte Juliane Krause gute Beispiele anderer Städte in Deutschland, welche auch in Hannover umsetzbar wären.

Ideensammlung und Konkretisierung

Durch Julian Krauses Vortrag inspiriert, leiteten die Teilnehmer*innen Gestaltungspotentiale und Ideen für Hannovers Innenstadt ab. Da die Stadt wenig Geld für großräumige Projekte hat und außerdem Stadt-Umbau auch viel CO2 verursacht, müsse sich eine neue Planungs-Mentalität entwickeln. Statt Neubau sollte in der Stadtplanung eine DIY Mentalität entstehen: Kleinteilige Experimente planen und vorhandene Strukturen umdenken bzw. umplanen. Swantje Michaelsen meinte diesbezüglich: „Mit einer großen Ladung Poller und Straßenfarbe könnte Hannover ohne hohe Kosten schon große räumliche Potentiale freisetzen“.

Zum Ende des Abends wurde immer deutlicher: Park- und Verkehrsraum für Autos verhindert eine zukunftsgewandte Entwicklung. Wichtig sei es, Akzeptanz für eine sinnvolle Umnutzung der öffentlichen Räume in der Bevölkerung zu schaffen. Nicht nur Parkplätze wegnehmen, sondern sie zu „Orten für Jede*n“ umgestalten. Juliane Krause zeigte einige gute Beispiele in ihrem Vortrag, wie zum Beispiel Pflanzkästen die nicht nur für mehr Stadtgrün sorgen, sondern auch als Sitzgelegenheiten genutzt werden können. Im Publikum bestand große Einigkeit darüber, dass für eine erfolgreiche Verkehrswende mehr passieren muss. Genügend Ideen und Konzepte sind vorhanden, Kern der Stadtplanung und der Politik sollte nun sein, diese auch umzusetzen. Aktuell mangelt es noch an Mut: auszuprobieren, Fehler einzugestehen und Konzepte durchzusetzen.