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CULTURE FOR FUTURE – Nachhaltige Kultur als Inspiration für die Zukunft unserer Stadt

Von |2022-08-31T21:12:06+01:0023.03.2022|

Fridays, Parents, Scientists: Beim Thema „Future” kann und wird die hannoversche Kulturszene nicht hinten anstehen. Das zeigte am Donnerstagabend die Veranstaltung „Culture for Future – Nachhaltige Kultur als Inspiration für die Zukunft unserer Innenstadt“, bei der sich unter anderem Anja Ritschel, Hannovers neue Wirtschafts- und Umweltdezernentin, den Fragen der Kulturschaffenden stellte. 

Die Veranstaltung zusammen mit der VHS Hannover war die siebte in der Reihe „ZUKUNFTinnenSTADT“. Zu den Gästen gehörten neben Ritschel die Abteilungsleiterin Kunst und Kultur in der Landeshauptstadt Dresden, Juliane Moschell und rund 50 Vertreter*innen der hannoverschen Kulturszene. Gemeinsam gingen sie der Frage nach, wie Kultur, Handel, Politik und Stadtverwaltung konstruktiv zusammenwirken und Nachhaltigkeit zu ihrem Leitbild machen können. 

Die Veranstaltung zeigte anschaulich, was der hannoversche Kulturentwicklungsplan (KEP) an vielen Stellen deutlich hervorhebt, nämlich die Bedeutung von nachhaltigem Handeln auch und gerade im Kulturleben. So bescheinigt der KEP der Landeshauptstadt Hannover „die besten Voraussetzungen, um sich im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit und gegenüber der Herausforderung des Klimawandels noch stärker aufzustellen und diese Aspekte im gesamten Kulturbetrieb und in der Kulturproduktion zu berücksichtigen.“

Der Dresdener Weg

Ideen, wie das in der Praxis gelingen kann, kamen aus Dresden: Moschell präsentierte den Dresdener Weg für mehr Nachhaltigkeit in Kunst und Kultur und betonte die besondere Rolle der Kulturschaffenden für ein Umdenken in der Gesellschaft: „Kunst und Kultur verleihen unserem Handeln Sinn und Bedeutung“, so Moschell in ihrem Vortrag. Dresdener Kultureinrichtungen hätten sich in einem breiten Beteiligungsprozess mit der „Dresdener Charta für Nachhaltigkeit im Kultursektor“ verpflichtet, bis 2030 ihre Nachhaltigkeitsstrategien zu erfüllen. Gerade in Hinblick auf die Corona-Krise sei ein solcher Prozess eine Chance, „den Kultursektor zukunftsfähig aufzustellen“. In einer Pilotphase erarbeiteten in Dresden Mitarbeitende aus fünf unterschiedlichen Einrichtungen – jeweils ein Theater, Festival, Bibliothek, Orchester und ein Museum – konkrete Nachhaltigkeitsthemen, die im Betrieb mitgetragen werden. „Die Intendantin und der Fuhrparkchef diskutierten auf Augenhöhe“, beschreibt Moschell einen der Erfolgsgaranten für das Projekt. Darüber hinaus brauche es „ein deutliches Bekenntnis der jeweiligen Leitung und ausreichend finanzielle Mittel“, die in Dresden durch den Rat für Nachhaltige Entwicklung aufgestockt wurden. Gelingen könne der Prozess aber nur, wenn nicht nur der Kulturbereich mitmache, sondern übergreifend gearbeitet würde: „die Stadtplanung, der Oberbürgermeister – viele müssen beteiligt sein. Das erfordert eine große Koordinationsaufgabe in der Verwaltung“, so Moschell. 

Ideen für Hannover

Auf die Frage, wie denn in Hannover die Kulturschaffenden zu mehr Nachhaltigkeit beitragen könnten, entgegnete Ritschel, dass Kultur wie alle anderen Bereiche viel einbringen kann, Kultur aber darüber hinaus helfen könne, qualitativ darüber nachzudenken: „wie sieht gutes Leben in unserer Stadt aus?“. Ritschel sprach sich für Kultur an Orten der Innenstadt aus, an denen man sie nicht erwarte und sie die Menschen im positiven Sinne irritiere. Auf der anderen Seite sei die Kulturszene genauso gefordert, wie alle anderen auch: „Klimaschutz ist die ganz große Herausforderung, die bewältigen weder Rathaus noch Wirtschaft alleine“. Ritschel betonte, dass durch die Kulturhauptstadtbewerbung Kultur deutlich in den Mittelpunkt gerückt und stärker wahrnehmbar sei. Auch im Hannoverschen Nachhaltigkeitsbericht hat Kultur neben Ökologie, Sozialem, Wirtschaft und Good Governance „einen großen und somit wichtigen Schwerpunkt“. Ritschel sagte auf der Veranstaltung der hannoverschen Kultur- und Kreativwirtschaft zu, das Netzwerk kreHtiv weiterzuführen und abzusichern und forderte, dass in Hinblick auf die Entwicklung der Innenstadt Wirtschaft und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen müssten: „Ich komme gerne mit Ihnen ins Gespräch, damit wir uns gegenseitig in den Prozessen bestärken, die eine Stadt braucht. Wir müssen den Begriff Nachhaltigkeit positiv neu besetzen, das möchte ich mit den Kulturschaffenden gemeinsam beginnen. Daran, was das für jeden einzelnen bedeutet, müssen wir uns reiben, aber nicht nur darüber reden, sondern konkret ins Handeln kommen“. 

Die Anregungen aus Dresden wurden in fünf Arbeitsgruppen aufgenommen und aus hannoverscher Perspektive vertieft. Ein Fokus lag dabei auf der Musik, die in der UNESCO-City of Music eine besondere Bedeutung hat. Kunst und Kultur, waren sich die Teilnehmenden einig, kommt eine maßgebliche Rolle zu: ihre Fähigkeit, Möglichkeitsräume zu inszenieren, kreativ mit Vorhandenem umzugehen und Szenarien zu entwickeln, sind für einen gesellschaftlichen Wandel unerlässlich. Die konkreten Ideen reichten von essbaren Pflanzen in der Stadt und „Parkplätzen zu Park-Plätzen“ über das Teilen von Materialien in der schon in Arbeit befindlichen „Bibliothek der Dinge“ bis hin zu Straßen, durch die man nur singend oder pfeifend laufen darf. Konkrete Forderungen wurden laut für ein Grundeinkommen für Kulturschaffende oder eine Honorarordnung für Kulturveranstalter*innen. Dass Bedarf besteht, wurde praktisch sichtbar, als eine Festivalveranstalterin aus der Arbeitsgruppe heraus in den Bereitschaftsdienst gerufen wurde: „Ich arbeite weiter im Krankenhaus, denn als Veranstalterin kann ich nur ehrenamtlich tätig sein“. Das Karstadt-Haus als prägnantester Leerstand in der City war mehrfach Thema, beispielsweise als potentieller Übungsraum für Musiker*innen. Auch ein struktureller Wandel der Innenstadt wurde gefordert, mehr Wohnraum, mehr Durchmischung, mehr Grün, damit die Innenstadt wieder Aufenthaltsqualität erlange als „Hannovers Wohnzimmer“. Ariane Jablonka vom Klavierhaus Döll formulierte, worüber viel Einigkeit herrschte: „Wir wollen gemeinsam Kultur machen unter einem besonderen Stern: dem Thema Nachhaltigkeit! Wir geben das Thema vor, aber wir sind offen für alle, die sich beteiligen wollen“. Sie forderte eine Struktur regelmäßiger, moderierter Treffen: „wir wünschen uns Unterstützung von der Landeshauptstadt, durch Frau Ritschel“. Anja Ritschel sagte zu, das Thema mitzunehmen und als Wirtschaftsdezernentin beim Brückenbauen zu helfen: „wir haben einen Runden Tisch nachhaltig Wirtschaften und sollten gucken, ob wir ein gemeinsames Ziel haben und wie wir es erreichen“. 

Anke Biedenkapp regte abschließend dazu an, einen Nachhaltigkeitsleitfaden für Veranstaltungen verpflichtend zu machen. Der Leitfaden kann mit dem Kulturentwicklungsplan, dem Nachhaltigkeitsbericht und dem Schwarmwissen der Kulturschaffenden in Einklang gebracht werden. Auch regte sie an, seitens der Landeshauptstadt eine*n Nachhaltigkeitsbeauftragte*n zum Thema Kulturveranstaltungen einzusetzen.

Den musikalischen Rahmen der Veranstaltung gestaltete John Winston Berta mit Gesang und Gitarre. Herzlichen Dank dafür!

Die Reihe „ZUKUNFTinnenSTADT“ des bbs wird fortgesetzt am Donnerstag, den 5.5.2022, dann unter dem Titel “Straßen – Macht – Stadt: Die Innenstadt als Lebensraum”.

Jahresbericht 2021

Von |2022-02-21T14:48:25+01:0021.02.2022|

Wir blicken auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „ZUKUNFTinnenSTADT“ haben wir zahlreiche spannende Diskussionen geführt. Unter anderem ging es um die Themen Sport, Natur und Wohnen in der Innenstadt. Auch bei den Mitmachaktionen von „Die City kommt zu uns!“ waren wir gemeinsam mit Politik zum Anfassen e.V. in Hannovers Stadtteilen unterwegs und beteiligten Passant*innen am Gespräch über die Innenstadt.

Mit der Plakataktion „Hier passiert´s!“ informierten wir Bürger*innen über Projekte, die durch die Stadtbezirksräte realisiert wurden, und luden damit zur Kommunalwahl am 12.9.2021 ein.

Ausführlich über unsere Aktivitäten in 2021 berichten wir in unserem Jahresbericht, den wir zum Download bereitstellen.

Wohnen in der Altstadt – ein Stadtteilspaziergang mit Torsten Schwarz

Von |2022-03-23T12:06:09+01:0021.02.2022|

Der Stadtteilspaziergang durch die Altstadt von Hannover hat den Dialog zum Thema “Wohnen in der Innenstadt – Wunsch und Wirklichkeit”, den das bbs am 04.12 2022 begonnen hat, weitergeführt. Projektplaner und Altstadt-Kenner Torsten Schwarz führte ca. 60 Teilnehmer*innen durch schmale Gassen, sich plötzlich weit auftuende oder versteckte Hinterhöfe. Vorbei an Geschäften, Gastronomien, Leerstand, historischem Erbe und neuem und alten Wohnbau-Bestand. Auch weitere Expert*innen aus Hannover wie die Architektin und Stadtplanerin Karin Kellner, der Architekt und Mitglied des Immovielien Netzwerks Gerd Runge, Stadtbezirksmanagerin Claudia Göttler und Ulrike Roth vom Fachbereich Planen und Stadtentwicklung bereicherten mit ihrer umfassenden Kenntnis den Spaziergang. Schnell war klar: Die Altstadt hat Charakter und ein hohes Identifikations- und Entwicklungspotential aber auch Konfliktpotentiale. 

Erste Station des Spaziergangs war das Hohe Ufer. Karin Kellner sprach sich dafür aus, Flächen des City Rings an dieser Stelle für Wohnungsbau zu nutzen. Die damit einhergehende Verschmälerung der Fahrbahn erhöhe die Durchlässigkeit der Verbindung von der Altstadt und der Calenberger Neustadt. Weiterhin berichtet sie, dass der City2020+ Dialogprozess viele Ideen und Entwürfe generiert habe die nur noch angewendet werden müssten. 

Im Kreuzkirchenviertel waren vor allem der ruhende Verkehr und das angrenzende Rotlichtviertel Schwerpunktthemen. Viele Nutzungen sind dort nicht möglich aufgrund des starken Parksucherverkehrs, bei gleichsam schlechter Auslastung der Parkhäuser. Auch für die Wohnnutzung stellen diese Lärm emitierenden Problemfälle eine erhebliche Belastung dar. “Onay hat mit der autofreien Innenstadt die Wahl  gewonnen, das muss angegangen werden!” war eine der klaren Forderungen der Teilnehmer*innen. 

Der Wohnbestand um die Kreuzkirche zeigt vor allem die Potentiale von Wohnen in der Innenstadt auf. Das von der Hanova und anderen privaten Immobilienunternehmern entwickelte Quartier weist Mieten zwischen 7 und 13 € pro qm2 vor. Die Gebäude sind energetisch saniert, die Wohnungsschnitte modern, haben Balkone und Gärten. 

Im Bereich der Schmiedestraße drehte sich der Diskurs um die große Handelsimmobilie von Galeria Kaufhof und einige Leerstände. Sie bieten Potentiale für diverse Nutzungen, unter anderem auch Wohnen. Sie sind aber im Eigentum von Investor*innen, die meist andere Pläne für ihre Immobilie haben als Verwaltung oder Politik. Der Wunsch nach einer kooperativen Entwicklung im Sinne der Stadtgesellschaft und einem Herantreten an die Immobilienbesitzer*innen durch die Stadtverwaltung wurde laut. Gerd Runge betonte, dass Wohnentwicklung Gemeinwohl ist und die Stadtverwaltung Instrumente hat in die Wohnentwicklung bei privaten Flächen und Gebäuden einzugreifen.

Am Köbelinger Markt war der geplante Abriss des ehemaligen Bürgeramtes Mitte aus Sicht vieler Teilnehmer*innen nicht nachvollziehbar und keine nachhaltige Stadtentwicklung. Auch die geplante Wand hin zur Anlieferungszone der Markthalle könnte anders baulich gelöst werden und verhindert eine Öffnung der Markthalle zu dieser Seite. Gleichzeitig verspricht aber die Öffnung des geplanten Neubaus zur Seite des Köbelinger Marktes mehr Lebendigkeit für den Platz.

Allgemein war die Regelung des (ruhenden) Verkehrs ein wiederkehrendes Thema und wurde kontrovers diskutiert. Die Teilnehmer*in Ulrike Roth betonte, dass jedes Mal das Thema Auto beim Wohnen eine Rolle spielen würde und das dies endlich aufhören müssen, gerade im Bezug auf die Klimaziele. Weiterhin wurde thematisiert, dass es eine stärkere Differenzierung bei Freiräumen in der Innenstadt bräuchte um auch privatere Räume für die Bewohnenden zu schaffen. Wie das aussehen könnte zeigt das Wohnquartier Kreuzviertel mit seinem nur für die Bewohner*innen zugänglichen Hinterhof. Zudem zeigt dieses Projekt auf, wie Bestandsimmobilien durch eine Anpassung der Wohnungsschnitte und energetischen Sanierung attraktive Wohnimmobilien werden können.

 

Im Anschluss der Veranstaltung konnten wir noch ein Gespräch mit der Stadtteilmanagerin Claudia Göttler führen. Sie kritisierte, dass das Wohnen in der Innenstadt im öffentlichen Diskus häufig romantisiert wird, wobei Probleme nicht thematisiert werden. Prostitution, Drogenmissbrauch und Obdachlosigkeit sind wie in keinem anderen Stadtteil vorhanden und führen zu Konflikpotential. Weiterhin sorgt die zahlreich Vertretene Gastronomie ebenfalls für Geruchs- und Lärmbelästigung. Eine Möglichkeit, Konflikte zu entzerrren ist baulich: So können gläserene Schutzwände ihrer Meinung nach für den nötigen Abstand zwischen “Problem-Klientel” und Anwohnenden sorgen. Aber Abschottung ist nicht die einzige Möglichkeit um Innenstadt und Wohnen zu vereinen. Andere Lösungsmöglichkeiten sind bürgerschaftliches Engagement und lokale Netzwerke: Die Bürgerinitative “Wohnen.am.Marstall” wurde bereits mit dem Bürger*innenpreis für Engagement ausgezeichnet. Zudem bietet das Projekt “limmernlabor” aus dem Stadtteil Linden-Nord  bereits ein alternatives Vorbild, wie bürgerschaftlich mit Konflikten wie Lärm, Partytourismus und Vermüllung umgegangen werden kann.

 

 

Quer durch die Innenstadt: Neue Audio.StadtRadTour

Von |2021-12-21T14:48:11+01:0021.12.2021|

Die Innenstadt mit anderen Augen und Ohren erleben: Zur Feier unseres Programms ZUKUNFTinnenSTADT haben wir aus den Stationen unserer Audio.StadtRadTouren einen Spaziergang zusammengestellt, bei dem ihr mehr über kulturelle und historische Highlights aus Hannover erfahren könnt. Zwei weitere Touren werden folgen.

Optimal ist die Nutzung der App izi.travel, auf der alle unsere Touren praktisch zum Mitnehmen präsentiert werden. Für diesen Innenstadtspaziergang haben wir einige Perlen ausgewählt. Das Video unten zeigt, wie ihr sie findet. Viel Spaß beim Staunen und Erleben!

Wohnen in der Innenstadt – Wunsch und Wirklichkeit

Von |2022-01-24T19:01:02+01:0020.12.2021|

Wohnen in der Innenstadt war am 4.11. Thema der Reihe ZUKUNFTinnenSTADT. Das Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover e. V. lud gemeinsam mit der Volkshochschule ein, sich den Möglichkeiten des Wohnens in der Innenstadt zu nähern. Im Saal der VHS hörten etwa fünfzig Interessierte Impulsvorträge zum Thema von Prof. Tim Rieniets (LUH) und Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik. Studierende präsentierten ihre eindrucksvollen und plastischen Entwürfe zur Umnutzung und Zukunft von Hannovers Innenstadt. In der anschließenden Diskussion kristallisierten sich folgende Erkenntnisse heraus:

  • Anforderungen des Wohnens geben Impulse zur Diversifizierung der Innenstadtnutzungen und schaffen Perspektiven für die Umnutzung von Handelsimmobilien.
  • Bestehende Instrumente der Stadtentwicklung können in Hannover intensiver genutzt werden. Die Stadt kann mehr wagen und von anderen Städten lernen.
  • In der Innenstadt gibt es Gebäude und Räume, die sich zum Wohnen eignen. Wenn man diese Räume kennt, kann man zum Beispiel mittels Experimenten erproben, wie sie genutzt werden sollen.
  • Lokalen Partner*innen und Initiativen wie „Immovielien“ stehen zur Kooperation bereit, deren Potential sollte systematisch genutzt werden. Es braucht verbindliche Einbeziehung und Zusammenarbeit.

Innenstadt: Viel mehr als nur Handel

Prof. Tim Rieniets hofft, dass die mediale Aufmerksamkeit, die eine notwendige Transformation unserer Innenstädte genießt, nicht nur vorübergehend ist, sondern tatsächlich Impulse für eine nachhaltige Entwicklung und Veränderungen schafft. „Die eigentliche Katastrophe ist, dass wir die Innenstädte eigentlich nicht mehr brauchen, auf jeden Fall nicht zum Shoppen wie in den letzten 50 bis 70 Jahren. Dafür gibt es längst Ersatz im Onlinehandel.“

Doch er beruhigt: „Es ist gar nicht so schlimm, wenn in Städten weniger Einzelhandel passiert.“ Neben dem Handel erfüllen diese nämlich weitere wichtige Funktionen. Handel war lange die wichtigste Funktion der Innenstadt und ist historisch gewachsen. Denn für den Handel war die Innenstadt die beste Verortung: sie ist zentral und für alle Menschen gut zu erreichen. Die spezielle Handelsarchitektur mit großen, beleuchteten Schaufenstern ist darauf angelegt, „Innen“ und „Außen“ zu verbinden, Welten zu präsentieren und zum Kaufen einzuladen. Dadurch entsteht ein Gefühl von Lebendigkeit.

Innenstädte sind darüber hinaus aber auch symbolische Zentren unserer Städte, repräsentative, oft historische Gebäude wie Rathaus, Theater, Bahnhof, oder Oper prägen sie. Außerdem ist die Innenstadt Sitz von Verwaltung und Politik, die das Gemeinwesen Stadt in die Gegenwart bringen. Die Innenstadt ist auch eine Identifikationsfläche und dient dazu, sich zu verorten. Selbst, wenn man die eigene Innenstadt gar nicht mag, sind es häufig zuerst die „Postkartenmotive“ der Innenstadt, mit denen man sich anderen Menschen vorstellt, wenn man nach Herkunft oder Heimat gefragt wird.

Rieniets weist noch auf eine weitere bedeutende Funktion der Innenstädte hin: Wir sehen in der Innenstadt die anderen Mitglieder der Gesellschaft, andere Bevölkerungsgruppen und werden konfrontiert mit der Welt außerhalb unserer eigenen Blase. Die Innenstädte sind unser zivilisatorischer Übungsraum für gegenseitige Akzeptanz.

Wenn also Wohnen Handel ersetzen soll und eine größere Bedeutung in unseren Innenstädten erhalten soll, sollten die anderen Funktionen der Innenstadt dabei berücksichtigt werden. Eine Wohnstraße darf nicht eine exklusive Straße für Besserverdienende werden. Es resultiert die Frage, wie günstiger Wohnraum in der Innenstadt bewerkstelligt werden kann, wenn hohe Renditeerwartungen von Investor*innen im Spiel sind. Die Stadt habe hier jedoch die Aufgabe, mittels planerischer Instrumente die Interessen der Einwohner*innen zu vertreten.

Umtriebige Urbanität mit Wohnen zusammenbringen

Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik hält in ihrem Vortrag fest, dass am Anfang der Überlegungen über Wohnen in der Innenstadt erst einmal Bilanz gezogen werden sollte, wo bereits wie in der Innenstadt gewohnt wird. Anschließend können Potentiale erhoben werden wie Neubebauung von freiwerdenden Arealen wie bspw. Feuerwehren, Krankenhäusern, Bahnflächen oder Parkhäusern. Eine Schließung von Baulücken und Aufstockung von Gebäuden kann Wohnraum schaffen ebenso wie durch Flächengewinnung mittels einer Neustrukturierung von Straßen und Verkehrsflächen. Die Voraussetzungen müssen aber gegeben oder geschaffen sein. Umtriebige Urbanität ist nicht ohne weiteres mit „Wohnen“ kombinierbar: Zwar ist zum Beispiel Gastronomie in der Innenstadt erwünscht, aber möchte man ein Restaurant im eigenen Wohnhaus? Eine Vermittlung zwischen Wohnen und dem umgebenden öffentlichem Raum fehlt bei Umbauten bisweilen.

Plastische, kreative Lösungen genau dieser Problematik präsentierten drei Studierenden-Gruppen der Fakultät Architektur und Landschaft der LUH. Anhand ihrer Entwürfe konnten die Teilnehmenden eine Vorstellung entwickeln, wie Wohnen speziell in Hannovers Innenstadt aussehen kann. Unser Dank gilt Antonin Brünner und Till Kammann (Parkhaus Osterstraße), Sarah Tischer und Aaron Schedler (Parkhaus Mehlstraße) und Viktoria Leno sowie Elizaveta Misyuryaeva (Galeria Kaufhof an der Marktkirche).

Der Entwurfsphase war eine Analyse vorangegangen die für Hannovers Innenstadt zu folgenden Ergebnissen kam:

  • Austauschbar
  • Stark versigelt
  • Wenig Aufenthaltsqualität
  • Wenig los außerhalb der Geschäftszeiten

Die Gruppen zeigten verschiedenen Ideen, wie etwa durch eine Entwicklung in drei Phasen Begrünung, Verkehrsflächenminimierung und Nutzung von Leerständen mehr Wohnen in der Innenstadt möglich würde. Räumliche Ressourcen wie bspw. Flachdächer und Innenhöfe oder Parkdecks können für Wohnzwecke aktiviert werden. Durch eine Terrassierung der Gebäude kann Wohnen in den oberen Etagen mit Räumen für Einzelhandel oder Büros in den unteren Etagen verbunden werden. Die demografische Entwicklung muss auch immer mitgedacht werden: Das betrifft insbesondere Barrierefreiheit, Gemeinschaftsräume und vielfältige Wohnungsschnitte.

Einen kleinen Eindruck der Entwürfe gibt es in der Galerie unten.

In der anschließenden Diskussion wurde der Ruf nach einer guten Mischung von Wohnen, Leben und Arbeiten laut, denn hier hätte Hannover ein großes Potential, wenn alle – Jung wie Alt – gemeinsam daran arbeiten würden. Doch stellen sich insbesondere die Eigentümer*innenverhältnisse als Handicap für eine Umnutzung heraus. Tim Rieniets sagte, der Schlüssel zum Erfolg liege darin, die Eigentümer*innen mit Nutzungsinteressierten an einen Tisch zu bringen. Deutlich wurde, dass es auf stadtplanerischer Ebene neue Instrumente braucht, die aber aus der Bundespolitik kommen müssen. Es bleibt eine politische Frage, welche Ziele verfolgt werden: Inwiefern soll sich die Innenstadt der Zukunft an Interessen von Investor*innen orientieren, und welche Rolle spielen dabei die Interessen der Bewohner*innen und Nutzer*innen?

Die nächste Veranstaltung der Reihe ZUKUNFTinnenSTADT widmet sich erneut dem Wohnen, der Fokus liegt auf der Altstadt: Am Donnerstag, den 3.2.2022 um 18 Uhr laden wir ein zum Stadtteilspaziergang mit Wohnprojektentwickler und Altstadtbewohner Torsten Schwarz sowie anderen Gästen. Treffpunkt ist die Volkshochschule, der Spaziergang wird etwa zweieinhalb Stunden dauern.

ZUKUNFTinnenSTADT

Das bbs stellt 2021 und 2022 die kooperative Entwicklung der Innenstadt in den Fokus seiner Arbeit. Kooperationspartner*innen sind die Volkshochschule Hannover (VHS) und Politik zum Anfassen e. V. Über das Jahr hinweg werden in digitalen und analogen Veranstaltungen, mobil in den Stadtteilen, per App auf PLACEm und in der VHS Hannover zahlreiche Facetten der Innenstadt Hannovers beleuchtet. Ziel ist es, mit Bürger*innen und Expert*innen eine Vision für die Innenstadt Hannovers zu kreieren und damit einen gehaltvollen Beitrag zur Stadtentwicklung zu leisten. Auf dem Weg dahin inspiriert die Reihe Bürger*innen sich mit der Innenstadt auseinanderzusetzen und pflanzt Ideen, wie sie attraktiver, lebendiger und vor allem gerechter werden kann. Mehr Infos hier.

 

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