Bürgerbüro Stadtentwicklung e. V.

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So gelingt die kooperative Transformation der Innenstadt Hannovers

Von |2023-01-05T16:01:26+01:0005.01.2023|

So gelingt die kooperative Transformation der Innenstadt Hannovers

Elfte Veranstaltung des Citydialogs ZUKUNFTinnenSTADT des Bürgerbüro Stadtentwicklung

3. November 2022, Enno Luchtmann

Über den Tellerrand schauen und Experimente wagen: Was muss passieren, damit die kooperative Transformation der Innenstadt gelingt?

Die elfte und finale Veranstaltung des Bürgerbüro Stadtentwicklung zum Citydialog ZUKUNFTinnenSTADT fand am 03. November 2022 in der VHS statt. Die 50 Teilnehmenden zeigten, dass auch nach dieser langen und breitgefächerten Beteiligungsreihe das Interesse am Innenstadt-Prozess weiter groß ist.

Oliver Seidel von den Cityförstern zeigte innovative Beispiele aus anderen Großstädten und kommentierte, dabei blieb die mögliche Projektion auf Hannover immer im Blick.

Auszüge aus dem Vortrag von Oliver Seidel, Cityförster: Ecovillage, die Leine in der Innenstadt und das Platzprojekt in Hannover. (c) Cityförster

In kleinen Gruppen entwickelten die Teilnehmenden Fragen zu Oliver Seidels Input und sprachen über die Zukunft der Stadtentwicklung in Hannover. In der Diskussion wurde klar, welche Herausforderungen als besonders wichtig wahrgenommen, und somit im Prozess der Stadtentwicklung berücksichtigt werden sollten.

Auf einem offenen Podium wurden diese Fragen diskutiert. Besonders gefragt waren dabei unsere Gäste aus dem Rat der Stadt Hannover, die Fraktionsvorsitzenden der Mehrheitskoalition Elisabeth Clausen-Muradian (Grüne) und Lars Kelich (SPD).

Die Teilnehmenden sehnen sich danach, dass etwas passiert – und wünschen sich Teilhabe an den Entscheidungsprozessen. Sie möchten frühzeitig und transparent über Entscheidungen der Stadt informiert werden, zum Beispiel an einem zentralen Ort für Diskurs und Diskussion. Außerdem wurde der Wunsch nach einem digitalen Beteiligungsportal geäußert.

Im Publikum wurde darüber gesprochen, dass das Interesse am Dialog erhalten bleiben müsse und dass bestimmte Akteur*innen der Zivilgesellschaft auch direkt in die Umsetzung einbezogen werden sollten. Mehr Diversität in den Prozessen könne aufsuchende Beteiligung an Schulen ermöglichen, damit mehr junge Menschen eingebunden werden.

Für die Entwicklung der Innenstadt von Hannover wird es von Bedeutung sein, über den Tellerrand zu schauen, Experimente zu wagen und inspiriert von den Erfolgen anderer Veränderungen anzugehen. Dafür müssen an den richtigen Stellen Tabus überwunden werden, wie z.B. der Rückbau des Cityrings. Die Leitprojekte sollten dabei gemeinschaftlich angegangen werden. Da Planungen häufig zu abstrakt sind, ist gute Kommunikation besonders wichtig, um Erfolge sichtbar zu machen. Fundierte Pläne, die bereits aufwendig erarbeitet wurden und noch „in der Schublade liegen“, sollten berücksichtigt und genutzt werden.

Diese Kernbotschaften aus der Veranstaltung, zusammen mit all den weiteren Ergebnissen der gesamten Reihe gilt es nun, auf kooperative Weise in die Stadtentwicklung Hannovers umzusetzen, immer mit dem Ziel einer gerechten Stadt vor Augen.

Was plant die Stadtverwaltung für unsere Innenstadt?

Von |2023-01-09T12:21:43+01:0015.10.2022|

Was plant die Stadtverwaltung für unsere Innenstadt? “Mitte neu denken – Das Innenstadtkonzept 2035” in Diskussion

Zehnte Veranstaltung des Citydialogs ZUKUNFTinnenSTADT des Bürgerbüro Stadtentwicklung

6. Oktober 2022, Anna Finn

Was plant die Stadtverwaltung für unsere Innenstadt? Diese Frage stellte das Bürgerbüro gemeinsam mit der Volkshochschule am 6.10.2022. Eingeladen waren Stadtbaurat Thomas Vielhaber, Melanie Botzki vom Projektteam Innenstadtdialog und Bernd Michaelis vom Amt für Umwelt und Stadtgrün. Anlass der Frage war der Citydialog ZUKUNFTinnenSTADT, mit dem das Bürgerbüro den Innenstadtdialog der Stadtverwaltung begleitete.

Stadtbaurat Vielhaber präsentierte das Innenstadtkonzept 2035 als Ergebnis des Dialogs. Die 70 Teilnehmenden hatten daraufhin im großen Saal der Volkshochschule Hannover die Möglichkeit über Kultur, Verkehr, Grün und “dritte Orte” zu diskutieren. An vier “Marktstände”, die sich an bestimmten Leitprojekten des Konzepts orientierten, trafen sie neben Verwaltungsmitarbeiter*innen auch Expert*innen aus der Zivilgesellschaft, die im Gespräch mit den Gästen ihre Standpunkte vermittelten.

Der Marktstand “Klimaanpassung und Grün in der Innenstadt am Beispiel Leineuferpark” wurde von Bernd Michaelis betreut. Er wurde von der Stadtplanerin und Architektin Karin Kellner und Heiko Heybey, Initiator der Leinewelle, unterstützt. Es trafen so unterschiedliche Interpretationen aufeinander, die aber viele Gemeinsamkeiten bargen: Die politisch beschlossenen Klimaziele können nur erreicht werden, wenn 50% weniger Auto gefahren wird. Die dreispurige Straße am Leibniz-Ufer trennt die Calenberger Neustadt von der Altstadt und galt politisch als unantastbar. Dies soll sich jetzt ändern: Naturnahe Umgestaltungen und die Zusammenführung von Altstadt und Calenberger Neustadt stehen im Vordergrund. Von den Gästen wurde angeregt, mit Pop-Up-Grün und Flohmärkten die Fahrbahn umzunutzen. Das Management von Regenwasser wurde als wichtiges Thema genannt.

Der Marktstand “Lokale Verkehrswende – Integriertes Mobilitätskonzept” wurde von Stadtbaurat Thomas Vielhaber betreut. Er erläuterte die Verkehrssituation aus Sicht der Stadtverwaltung und stellte das städtische Konzept zur Diskussion. Dirk Hillbrecht, Vorstandsmitglied des ADFC Stadt Hannover, steuerte ebenfalls wichtige Impulse und Informationen bei.

Es bestand große Einigkeit sowohl bei der Diagnose als auch bei den Vorstellungen zur Lösung. Einhellig bemängelt wurde der enorme Platzverbrauch durch Autos – zu breite Straßen, zu viel Parkraum für den ruhenden Verkehr. Durchaus selbstkritisch wurde ein aggressives Gegeneinander aller Verkehrsteilnehmenden konstatiert – dabei ist doch jede*r auch mal mit dem Auto, Rad oder zu Fuß unterwegs. Eine kluge Umverteilung und Optimierung der Infrastruktur soll eine „Befriedung“ sowie entspannteres Fortkommen für alle bewirken. Schwerpunkte sollten in folgenden Bereichen gesetzt werden, etliche davon sind im städtischen Konzept vorgesehen:

  • Taschenprinzip: Erreichbarkeit JA – Durchgangsverkehr NEIN! Für mobilitätseingeschränkte Menschen wird die Erreichbarkeit durch dieses Konzept verbessert.
  • Prioritäten bei Übergängen ändern: nicht immer Autos den Vorrang geben!
  • Umverteilung des Straßenraumes nötig aufgrund neuer Bedarfe (mehr Radverkehr)
  • Logistikverkehr bündeln, Waren sollen am Rand der Innenstadt auf kleinere Fahrzeuge umgeladen werden
  • Shuttlesysteme aufbauen, Park and Ride sollte näher an die City herangeführt und auch quantitativ ausgebaut werden.

Nach Meinung der meisten Teilnehmer*innen könnten die Verkehrsplaner*innen der Stadt ruhig noch mutigere Schritte vorsehen, damit das von allen unterstützte Ziel auch erreicht wird: Flächen für Grünbereiche und Aufenthaltsqualität gewinnen, saubere Luft und Verkehrssicherheit erhöhen. Das städtische Verkehrskonzept wird im Frühjahr 2023 in den Ausschüssen diskutiert.

Der Marktstand “Kultur als Leitfunktion in der Innenstadt?” wurde von Melanie Botzki betreut. Sie wurde von Merle Nowack aus der Agentur für Zwischenraumnutzung unterstützt. Zentrale Themen waren Diversität der bestehenden Planung und Überwindung der Grenzen des Kulturdreiecks. Was passiert abseits des Kulturdreiecks (zwischen Staatsoper, Schauspiel und Künstlerhaus)? Angesprochen wurden die Qualitäten von anderen Quartieren der Innenstadt. Dabei stand klar die Frage im Vordergrund, inwiefern andere Kulturhintergründe und Menschen mit Migrationsgeschichte am Dialog zur Innenstadt berücksichtigt oder beteiligt wurden.

Die Fokussierung auf das Kulturdreieck berücksichtigt zudem die dezentralen Leerstände in Hannovers Innenstadt nicht. Es wurde vorgeschlagen, dass die Stadt diese Ladenflächen anmietet und niederschwellige Zugänge für Kunst- und Kulturschaffende schafft. Die Kooperation mit anderen Akteur*innen in Innenräumen der Innenstadt stand ebenfalls zur Debatte. Zu den öffentlichen Räumen im Kulturdreieck selbst wünschten sich die Gäste (räumliche und digitale) Anknüpfungspunkte. Für die Belebung und Nutzung dieser Flächen wurde vorgeschlagen, Initialveranstaltungen durchzuführen, um sie sichtbar zu machen. Der Zugang zu diesen Flächen sollte möglichst einfach und unbürokratisch gestaltet werden. Straßenmusik und Versammlungen dauerhaft auf diesen Flächen zu erlauben, könnte ein möglicher Schritt sein.

Der Marktstand “Dritte Orte in der Innenstadt: Orte der Begegnung und des Diskurses der Stadtgesellschaft” wurde aufgrund von Krankheit leider nicht durch die Verwaltung betreut. Trotzdem tauschten sich die Gäste mit Sebastian Cunitz vom Cameo Kollektiv über neue, kuratierte öffentliche Orte in der Innenstadt aus. Vor allem die Idee von Kälte- und Wärmeorten in Zeiten der Klimakrise und steigenden Energiekosten wurde begrüßt. Die Transformation der Innenstadt biete viele Themen, zu denen es einen hohen Bedarf an Austausch und Verstetigung gibt und die Stadt tut gut daran, Begegnungsorte auch abseits des bisher bekannten zu schaffen und Menschen zum Verweilen einzuladen.

Im abschließenden Plenum stellten die Gäste blitzlichtartig ihre wichtigsten Erkenntnisse aus den Gruppen vor (siehe Galerie unten). Es wurde ein Ausblick geboten auf kommende Aktivitäten der Stadt sowie des Bürgerbüros, das als finale Veranstaltung zur Reihe ZUKUNFTinnenSTADT im kommenden Monat einladen wird, das Innenstadtkonzept und kooperative Stadtentwicklung gemeinsam mit Vertreter*innen der Politik zu diskutieren.

Zusammenschau: ZUKUNFTinnennSTADT

Von |2023-01-09T12:43:55+01:0012.08.2022|

Zusammenschau ZUKUNFTinnenSTADT

Neunte Veranstaltung des Citydialogs ZUKUNFTinnenSTADT des Bürgerbüro Stadtentwicklung

07.07.2022 – bbs Hannover

“So habe ich Hannover ja gar nicht gesehen, das ist mir bisher noch nie aufgefallen!” bemerkt ein Teilnehmer überrascht. Nicht nur in der Arbeitsgruppe Genderplanning wurden neue Perspektiven auf Hannover entdeckt.

Am 07.07.2022 fand die neunte Veranstaltung des Citydialogs ZUKUNFTinnennSTADT des Bürgerbüro Stadtentwicklung statt. Zusammen mit 30 Teilnehmenden wurde im großen Saal der Volkshochschule Hannover über die Ergebnisse der Reihe und die Zukunft von Hannovers Innenstadt diskutiert. In den vorausgegangenen monatlichen Veranstaltungen wurden wichtige innerstädtische Teilthemen diskutiert. Dazu gehörten Fragestellungen zur Innenstadt als Kulturraum, öffentlichen Räumen, Grün und Mobilität. Die Rückkehr des Wohnens, Sport und Frauen und Mädchen in der Innenstadt waren Aspekte des Programms. Aus jeder Veranstaltung wurden zentrale Erkenntnisse, Anregungen, Ideen und Thesen mitgenommen und zusammengetragen. Die aktuelle Veranstaltung bot die Möglichkeit, die Thesen in einer Ideenwerkstatt in Kleingruppe zu debattieren und zu ergänzen.

Helene Grenzebach und Manfred Müller, Geschäftsstellenleitung und Vorstand des bbs, eröffneten den Abend mit übergreifenden Überlegungen und Erkenntnissen zur Innenstadt. Diese habe wenige Ecken und Kanten und sei wenig authentisch: Nach Geschäftsschluss werden die Straßen leer und leblos: Die Bürgersteige werden sprichwörtlich hochgeklappt. Doch so müsste das nicht sein: Durch die Schaffung multifunktionaler Räume, mehr Grünflächen sowie nicht-kommerziellen Aufenthaltsmöglichkeiten könnte wieder mehr Leben in die Innenstadt kommen.

Die Befragung des bbs hat gezeigt, dass insbesondere Bewohner*innen der Stadtteile Linden, List und Nordstadt die Innenstadt meiden. Ihre Behauptung: Ihre Stadtteile würden Ihnen schon alles bieten, was sie zum Leben brauchen, seien es Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie, Freiplätze, Parks oder Stätten der Kultur. Manch Einer würde sogar behaupten, dass Ihre Stadtteile mehr zu bieten haben als die Innenstadt selbst. Um auch der Innenstadt mehr Charakter und Vielfalt einzuhauchen, brauche es Mut zu Veränderungen. Stadtentwicklung endet nicht, sie ist ein immerwährender Prozess.

Vor diesem Hintergrund fanden die Diskussionen in den vier Kleingruppen statt: Poster mit Thesen gaben den Teilnehmenden zunächst einen Einblick ins Thema.Während der Gruppenphase konnten die Teilnehmer*innen jeweils 15 Minuten Anregungen, Fragen und Wünsche äußern, welche daraufhin zusammen mit den Mitarbeiter*innen festgehalten wurden. Es wurden Anregungen und Ideen entwickelt, Fragen in den Raum geworfen und  Lösungsansätze verfolgt. Nachdem alle vier Gruppen jede Station einmal besucht hatte, wurden zentrale Erkenntnisse im Plenum vorgetragen:

1. Stadtgrün und die Bedeutung von Natur in Stadtzentren (Manfred Müller)

Zentral war für alle der Wunsch nach „Mehr“: Mehr Grünflächen, mehr Freiräume, mehr Bäume, mehr Wasserflächen, mehr Fassaden- und Dachbegrünung. Dies könnte zum Beispiel durch Patenschaften und gemeinsame Pflege der „grünen“ Freiflächen möglich gemacht werden. Ein weiterer Vorschlag zielte darauf ab, alle Dächer der städtischen Gebäude zu begrünen, um somit ein Exempel zu geben.

2. Recht auf Stadt: Frauen und und Mädchen im öffentlichen Raum (Anna Finn & Joana Hartmann)

Nur wenigen Teilnehmer*innen war das Thema „Gender Planning“ vertraut – ein leider häufig beobachtetes Phänomen, was zeigt, dass neben den Behörden auch die Stadtbevölkerung über Gender Planning informiert werden sollte. Nach einer kurzen Einführung entwickelten sich in den Kleingruppen die ersten Ideen und Vorschläge, wie etwa der Wunsch nach mehr Kinderbetreuungsplätze in der Innenstadt, mehr multifunktionalen Aufenthaltsräumen oder die Anpassung des Nahverkehrs an die Bedürfnisse pflegender Personen.

3. Straße – Macht – Stadt: Die Innenstadt als Lebensraum (Helene Grenzebach)

Zum Thema Verkehr und Mobilität in der Innenstadt herrschte unter den Besucher*innen große Einigkeit. Der Wunsch nach mehr Fahrradwegen sowie Fahrrad-Schnellwegen in und um die Innenstadt war allgegenwärtig. Die „autofreien Innenstadt“ wird ersehnt und Konzepte dazu begrüßt. Wichtig war den Teilnehmenden aber auch die gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr.

4. Wohnen in der Innenstadt: Wunsch und Wirklichkeit (Daniela Catalán)

„Wohnen in der Innenstadt gehört dazu und ist wichtig für eine Wiederbelebung der Innenstädte“ so Daniela Catalán. Die Planung dürfe nicht nur den Investor*innen überlassen werden. Vielmehr solle der Bevölkerung die Chance geben werden, ihre Ideen zu äußern. Wichtig dabei sei der Mut zu Kreativität in der Gestaltung – zum Beispiel durch Umnutzung statt Abriss und Neubau – oder dem Ausprobieren von experimentellen Wohnformen.

Das Bürgerbüro wird die Erkenntnisse aus der Veranstaltung mitnehmen. Denn gemeinsam mit der Stadtgesellschaft, Politik und Verwaltung wollen wir die Zukunft unserer Innenstadt im Sinne einer gerechten, zukunftssicheren Entwicklung mitgestalten. Wir werden Impulse aufnehmen, weitertragen, Ideen entwickeln und Lösungen für die anstehenden Zukunftsfragen in unserer (Innen-)Stadt finden. Wir freuen uns schon darauf.

Für alle, die darüber hinaus ihre Inspirationen und Vorschläge in den politischen Apparat einbringen möchten, wurde kurz auf Paragraph 34 im Niedersächsischen Kommunalverfassungsgesetz (NKomVG) hingewiesen. Er umschreibt genau diese Möglichkeit.

Nach der Sommerpause geht es am 6.10. weiter: “Mitte neu denken – Das Innenstadtkonzept 2035” heißt das Ergebnis des Innenstadtdialogs der Stadtverwaltung. An ihm soll die Zukunft von Hannovers Innenstadt ausgerichtet werden. Das Bürgerbüro Stadtentwicklung lädt ein, gemeinsam mit den Macher*innen aus der Stadtverwaltung einen Blick auf das Gesamtkonzept zu werfen und es zu diskutieren

Alles im Fluss – Flussbaden, Freizeitflächen und Renaturierung an der Ihme

Von |2022-08-31T21:11:42+01:0023.06.2022|

Zukünftig in Leine und Ihme schwimmen gehen? 

Um diese Frage ging es am 23.05.2022 in der Jugendherberge Hannover bei der Diskussionsveranstaltung „Alles im Fluss – Flussbaden, Freizeitflächen und Renaturierung an der Ihme“ vom Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover e. V. (bbs).

Vergleichsprojekte in München, Bremen, Basel sowie vielen weiteren deutschen und europäischen Städten zeigen, dass das Baden in Flüssen möglich ist. Könnte Flussbaden daher auch in Hannover ein Aushängeschild für mehr urbane Lebensqualität sein? Die letzten Projekte um Flussbadestellen in Hannover zeigten, dass es noch viel Uneinigkeit gibt. Denn obwohl Flussbaden eine lange Tradition in Hannover hat, haben sich die Badestellen bisher nicht dauerhaft halten können.

Aufgegriffen wurde die Diskussion um Flussbadestellen durch die im Jahr 2021 veröffentlichte Masterarbeit von Maxim Altenburger. In seiner Ausarbeitung präsentierte er neue Bademöglichkeiten in Hannover, die sich entlang des Maschsees Richtung Schützenplatz und bis zur Jugendherberge Hannover ziehen. Das bbs hat die Debatte aufgegriffen und die Stadtgesellschaft eingeladen, gemeinsam über die Zukunft und dauerhafte Lösungen zu sprechen.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Helene Grenzebach (Geschäftsstellenleiterin bbs) und Gerry Visse (Vorstand bbs). Zu Beginn der Veranstaltung rief Helene Grenzebach die Teilnehmer*innen dazu auf, aufzustehen, wenn sie bereits in der Leine und Ihme 1. geschwommen sind, 2. Boot oder Schiff gefahren sind, 3. Angeln waren und/oder 4. sich gerne in der Nähe dieser Gewässer aufhalten.

Angeregt durch diesen ersten Impuls wurden die Anwesenden dazu aufgefordert „Hoffnungen und Wünschen“ sowie „Herausforderungen und Befürchtungen“ zu konkretisieren, welche anschließend an zwei Pinnwänden nach Themen sortiert wurden. Zwischen Befürworter*innen und Gegner*innen des Flussbadens entstand ein reger Austausch.

Thema war vor allem die Rücksichtnahme auf die Wassersportvereine: Die Schnelligkeit der Ruderboote und schlechte Sichtbarkeit von Schwimmenden würden häufig unterschätzt, weshalb die Forderung nach abgegrenzten Bereichen fürs Schwimmen laut wurde. Es herrschte Unverständnis, warum das große Potential der Flüsse für Naherholung bisher noch nicht genutzt wird. Hundebesitzer*innen befürchten hingegen den Verlust von naturbelassenen Auslaufflächen, wenn Badestellen eingerichtet werden. Auch forderten viele Gäste die Berücksichtigung von Naturschutzbelangen: Man müsse die Wasserqualität testen und klären, inwiefern organisierter Badebetrieb mit Renaturierungsflächen vereinbar seien. Überdies müssten mehr Mülleimer, Straßenlaternen und Fahrradständer aufgestellt werden, damit ein achtsamer Umgang mit der Natur sowie ein höherer Grad an Sicherheit rund um die Ufer sichergestellt werden kann.

Das Sammeln von Anregungen zeigte, dass Akteur*innen zu offener Kommunikation bereit sind und über Lösungen sprechen möchten. Die Nutzungskonflikte rund um den Fluss machten aber auch deutlich, dass es Bedenken zu Veränderungen und Verlusten gibt, die bei zukünftigen Diskussionen nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

Nach der Ideensammlung fanden sich vier Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themen: Sicherheit, Mut zur Veränderung, Neue Nutzungen und Naturschutzbelange sowie der Umgang mit bestehenden Nutzungen. Die Gruppen sollten neben ihrer Fragestellung auch die übergreifende Frage aufgreifen, wie den Anforderungen um Flussbaden gerecht werden kann und trotzdem einen Steigerung der Nutzungsqualität erreicht werden kann. Die Ergebnisse der jeweiligen Gruppen wurden im Plenum vorgestellt und debattiert.

Julia Sembritzki und Mike Burkhardt vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Mittellandkanal / Elbe-Seitenkanal erhielten dann das Wort für einen fachlichen Input. Sie erörterten die gesetzlichen Regularien, mit denen sich auseinander gesetzt werden müsste, wenn Flussbadestellen in Hannover realisiert werden. Sie machten deutlich, welche Abschnitte der Leine und Ihme zum Baden in Frage kommen würden, da das Schwimmen zum Beispiel 100 Meter vor und hinter Brücken oder an Schleusen aktuell nicht erlaubt ist (siehe Karte). Sie betonten, dass die Ihme eine Bundeswasserstraße ist und beschrieben, dass aus ihrer Perspektive Badeverbote geregelt seien, Badeerlaubnisse jedoch nicht.

Die Veranstaltung hat verdeutlicht, dass es eine starke Nachfrage zu urbanen Freizeitflächen am Wasser in Hannover gibt. Um dieser jedoch zu begegnen, müssen die rechtlichen, sicherheitsrelevanten, organisatorischen und naturschutzfachlichen Fragestellungen zum Thema Flussbaden mitbedacht werden. Dass es dabei zu Nutzungskonflikte kommen kann, ist klar, was aber nicht bedeuten muss, dass man nicht mit guter Kommunikation und Beteiligung Lösungen finden kann. Der Wunsch, die Diskussion über die Veranstaltung hinaus weiterzuführen, ist dringend.

Wenn Sie Interesse am Thema haben, schicken Sie uns gerne eine Mail, um in einen Verteiler zum Thema aufgenommen zu werden. Dieser wird allen zur Verfügung gestellt, die auch selbst ihre Kontakte für diesen Zweck freigegeben haben.

Die Rot markierten Flächen zeigen die Badeverbotszonen.

Straße – Macht – Stadt. Die Innenstadt als Lebensraum

Von |2023-01-03T14:14:54+01:0021.06.2022|

Raum zum Leben, für Aufenthalt und Begegnung sowie Klimaanpassung und mobil sein auch ohne Auto: Am 05.05.2022 diskutierten ca. 50 Gäste im Saal der Volkshochschule Hannover (VHS) gemeinsam mit dem Bürgerbüro Stadtentwicklung (bbs) über ihre Bedürfnisse nach einer Vielgestaltigkeit der Straßen in Hannovers Innenstadt. Es war die achte Veranstaltung des bbs in Kooperation mit der VHS Hannover in der Reihe „ZUKUNFTinnenSTADT“. Moderiert von den beiden Vorstandsmitgliedern Prof. Tanja Mölders und Swantje Michaelsen (MdB) wurde nachgefragt, wofür und für wen Straßen eigentlich da sind und wie es gelingen kann, dass *alle* Stadtbewohner*innen mehr Nutzungsmöglichkeiten auf unseren Straßen haben als Parken und Autofahren.

Denn wie ist die Situation heute, wie bewegen wir uns eigentlich in der Stadt fort? Diese Frage wurde mittels eines Rollenspiels aus unterschiedlichen Perspektiven beantwortet: Einem fiktiven 9jährigen Kind, der 14 Jährigen, der alleinerziehenden Frau und dem berufstätigen Mann wurden Fragen zu ihrem Mobilitätsverhalten und selbstständigen Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum gestellt. Die Gäste durften je nach der Antwort der ihnen zugewiesenen Rolle Schritte von der Startlinie weg machen. Dass sich nach nur wenigen Fragen ein sehr breites “Feld” ergab, weist anschaulich darauf hin, dass wirtschaftlicher Hintergrund, Geschlecht und Alter ganz konkrete Auswirkungen auf Mobilitätsverhalten und Bewegungsmöglichkeiten haben. Es gibt große Gruppen, die wortwörtlich zurückgelassen werden und deren Bedürfnisse im Ist-Zustand nicht berücksichtigt werden.

Daran anknüpfen sollte ein Vortrag von Steffen Brückner, der kurzfristig verhindert war. Die Perspektive der Kinder auf den Straßenraum, die Brückner durch die Kinder-Fahrraddemo “Kidical Mass” stärken will, wurde trotzdem thematisiert. Dabei wurde deutlich, dass die meisten Kinder von den Eltern und deren PKW abhängig sind. Die gebaute Umwelt spielt dabei eine zentrale Rolle, viel zentraler als das Alter: Komme ich mit dem Rad autofrei zur Schule? Wie viele große Straßen muss das Kind kreuzen? Wie weit ist die Schule entfernt?

„Der öffentliche Raum ist nicht fair verteilt“

Als weitere Expertin war Juliane Krause eingeladen. Sie setzt sich als Verkehrsplanerin für nachhaltige Mobilität aus Genderperspektiven und den Anforderungen der nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmer*innen auseinander. Sie berichtete, dass es durch eine gelungene Stadtplanung möglich ist, dass öffentlicher Raum nicht als Angstraum wahrgenommen wird, sondern als Ort zum Verweilen, zum Spielen oder zur Kommunikation. Ziel solcher Planung sei es, ein sicheres, eigenständiges Leben für jede*n zu gewährleisten, seien es Frauen, Menschen mit Einschränkungen, Kinder oder Senior*innen. Um dies zu erreichen, brauche es kurze Wege zur Nahversorgung, Sicherheit und Barrierefreiheit sowie genügend Abstellplätze für Fahrräder, Rollatoren, Kinderwagen, etc.. , so Juliane Krause. „Der öffentliche Raum ist Lebensraum, den wir uns wieder aneignen müssen“, so die Expertin. Je vielgestaltiger ein Ort geplant ist, desto mehr steigt auch die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Entschleunigung im Straßenverkehr ist für die Wiederaneignung der Straßen als Lebensraum ein Kernelement. Eine verkehrsberuhigte Innenstadt lädt dazu ein, bestehende Qualitäten besser zu nutzen. Im Vortrag zeigte Juliane Krause gute Beispiele anderer Städte in Deutschland, welche auch in Hannover umsetzbar wären.

Ideensammlung und Konkretisierung

Durch Julian Krauses Vortrag inspiriert, leiteten die Teilnehmer*innen Gestaltungspotentiale und Ideen für Hannovers Innenstadt ab. Da die Stadt wenig Geld für großräumige Projekte hat und außerdem Stadt-Umbau auch viel CO2 verursacht, müsse sich eine neue Planungs-Mentalität entwickeln. Statt Neubau sollte in der Stadtplanung eine DIY Mentalität entstehen: Kleinteilige Experimente planen und vorhandene Strukturen umdenken bzw. umplanen. Swantje Michaelsen meinte diesbezüglich: „Mit einer großen Ladung Poller und Straßenfarbe könnte Hannover ohne hohe Kosten schon große räumliche Potentiale freisetzen“.

Zum Ende des Abends wurde immer deutlicher: Park- und Verkehrsraum für Autos verhindert eine zukunftsgewandte Entwicklung. Wichtig sei es, Akzeptanz für eine sinnvolle Umnutzung der öffentlichen Räume in der Bevölkerung zu schaffen. Nicht nur Parkplätze wegnehmen, sondern sie zu „Orten für Jede*n“ umgestalten. Juliane Krause zeigte einige gute Beispiele in ihrem Vortrag, wie zum Beispiel Pflanzkästen die nicht nur für mehr Stadtgrün sorgen, sondern auch als Sitzgelegenheiten genutzt werden können. Im Publikum bestand große Einigkeit darüber, dass für eine erfolgreiche Verkehrswende mehr passieren muss. Genügend Ideen und Konzepte sind vorhanden, Kern der Stadtplanung und der Politik sollte nun sein, diese auch umzusetzen. Aktuell mangelt es noch an Mut: auszuprobieren, Fehler einzugestehen und Konzepte durchzusetzen.

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