Bürgerbüro Stadtentwicklung e. V.

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Jahresbericht 2021

Von |2022-02-21T14:48:25+01:0021.02.2022|

Wir blicken auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „ZUKUNFTinnenSTADT“ haben wir zahlreiche spannende Diskussionen geführt. Unter anderem ging es um die Themen Sport, Natur und Wohnen in der Innenstadt. Auch bei den Mitmachaktionen von „Die City kommt zu uns!“ waren wir gemeinsam mit Politik zum Anfassen e.V. in Hannovers Stadtteilen unterwegs und beteiligten Passant*innen am Gespräch über die Innenstadt.

Mit der Plakataktion „Hier passiert´s!“ informierten wir Bürger*innen über Projekte, die durch die Stadtbezirksräte realisiert wurden, und luden damit zur Kommunalwahl am 12.9.2021 ein.

Ausführlich über unsere Aktivitäten in 2021 berichten wir in unserem Jahresbericht, den wir zum Download bereitstellen.

Wohnen in der Altstadt – ein Stadtteilspaziergang mit Torsten Schwarz

Von |2022-03-23T12:06:09+01:0021.02.2022|

Der Stadtteilspaziergang durch die Altstadt von Hannover hat den Dialog zum Thema “Wohnen in der Innenstadt – Wunsch und Wirklichkeit”, den das bbs am 04.12 2022 begonnen hat, weitergeführt. Projektplaner und Altstadt-Kenner Torsten Schwarz führte ca. 60 Teilnehmer*innen durch schmale Gassen, sich plötzlich weit auftuende oder versteckte Hinterhöfe. Vorbei an Geschäften, Gastronomien, Leerstand, historischem Erbe und neuem und alten Wohnbau-Bestand. Auch weitere Expert*innen aus Hannover wie die Architektin und Stadtplanerin Karin Kellner, der Architekt und Mitglied des Immovielien Netzwerks Gerd Runge, Stadtbezirksmanagerin Claudia Göttler und Ulrike Roth vom Fachbereich Planen und Stadtentwicklung bereicherten mit ihrer umfassenden Kenntnis den Spaziergang. Schnell war klar: Die Altstadt hat Charakter und ein hohes Identifikations- und Entwicklungspotential aber auch Konfliktpotentiale. 

Erste Station des Spaziergangs war das Hohe Ufer. Karin Kellner sprach sich dafür aus, Flächen des City Rings an dieser Stelle für Wohnungsbau zu nutzen. Die damit einhergehende Verschmälerung der Fahrbahn erhöhe die Durchlässigkeit der Verbindung von der Altstadt und der Calenberger Neustadt. Weiterhin berichtet sie, dass der City2020+ Dialogprozess viele Ideen und Entwürfe generiert habe die nur noch angewendet werden müssten. 

Im Kreuzkirchenviertel waren vor allem der ruhende Verkehr und das angrenzende Rotlichtviertel Schwerpunktthemen. Viele Nutzungen sind dort nicht möglich aufgrund des starken Parksucherverkehrs, bei gleichsam schlechter Auslastung der Parkhäuser. Auch für die Wohnnutzung stellen diese Lärm emitierenden Problemfälle eine erhebliche Belastung dar. “Onay hat mit der autofreien Innenstadt die Wahl  gewonnen, das muss angegangen werden!” war eine der klaren Forderungen der Teilnehmer*innen. 

Der Wohnbestand um die Kreuzkirche zeigt vor allem die Potentiale von Wohnen in der Innenstadt auf. Das von der Hanova und anderen privaten Immobilienunternehmern entwickelte Quartier weist Mieten zwischen 7 und 13 € pro qm2 vor. Die Gebäude sind energetisch saniert, die Wohnungsschnitte modern, haben Balkone und Gärten. 

Im Bereich der Schmiedestraße drehte sich der Diskurs um die große Handelsimmobilie von Galeria Kaufhof und einige Leerstände. Sie bieten Potentiale für diverse Nutzungen, unter anderem auch Wohnen. Sie sind aber im Eigentum von Investor*innen, die meist andere Pläne für ihre Immobilie haben als Verwaltung oder Politik. Der Wunsch nach einer kooperativen Entwicklung im Sinne der Stadtgesellschaft und einem Herantreten an die Immobilienbesitzer*innen durch die Stadtverwaltung wurde laut. Gerd Runge betonte, dass Wohnentwicklung Gemeinwohl ist und die Stadtverwaltung Instrumente hat in die Wohnentwicklung bei privaten Flächen und Gebäuden einzugreifen.

Am Köbelinger Markt war der geplante Abriss des ehemaligen Bürgeramtes Mitte aus Sicht vieler Teilnehmer*innen nicht nachvollziehbar und keine nachhaltige Stadtentwicklung. Auch die geplante Wand hin zur Anlieferungszone der Markthalle könnte anders baulich gelöst werden und verhindert eine Öffnung der Markthalle zu dieser Seite. Gleichzeitig verspricht aber die Öffnung des geplanten Neubaus zur Seite des Köbelinger Marktes mehr Lebendigkeit für den Platz.

Allgemein war die Regelung des (ruhenden) Verkehrs ein wiederkehrendes Thema und wurde kontrovers diskutiert. Die Teilnehmer*in Ulrike Roth betonte, dass jedes Mal das Thema Auto beim Wohnen eine Rolle spielen würde und das dies endlich aufhören müssen, gerade im Bezug auf die Klimaziele. Weiterhin wurde thematisiert, dass es eine stärkere Differenzierung bei Freiräumen in der Innenstadt bräuchte um auch privatere Räume für die Bewohnenden zu schaffen. Wie das aussehen könnte zeigt das Wohnquartier Kreuzviertel mit seinem nur für die Bewohner*innen zugänglichen Hinterhof. Zudem zeigt dieses Projekt auf, wie Bestandsimmobilien durch eine Anpassung der Wohnungsschnitte und energetischen Sanierung attraktive Wohnimmobilien werden können.

 

Im Anschluss der Veranstaltung konnten wir noch ein Gespräch mit der Stadtteilmanagerin Claudia Göttler führen. Sie kritisierte, dass das Wohnen in der Innenstadt im öffentlichen Diskus häufig romantisiert wird, wobei Probleme nicht thematisiert werden. Prostitution, Drogenmissbrauch und Obdachlosigkeit sind wie in keinem anderen Stadtteil vorhanden und führen zu Konflikpotential. Weiterhin sorgt die zahlreich Vertretene Gastronomie ebenfalls für Geruchs- und Lärmbelästigung. Eine Möglichkeit, Konflikte zu entzerrren ist baulich: So können gläserene Schutzwände ihrer Meinung nach für den nötigen Abstand zwischen “Problem-Klientel” und Anwohnenden sorgen. Aber Abschottung ist nicht die einzige Möglichkeit um Innenstadt und Wohnen zu vereinen. Andere Lösungsmöglichkeiten sind bürgerschaftliches Engagement und lokale Netzwerke: Die Bürgerinitative “Wohnen.am.Marstall” wurde bereits mit dem Bürger*innenpreis für Engagement ausgezeichnet. Zudem bietet das Projekt “limmernlabor” aus dem Stadtteil Linden-Nord  bereits ein alternatives Vorbild, wie bürgerschaftlich mit Konflikten wie Lärm, Partytourismus und Vermüllung umgegangen werden kann.

 

 

Quer durch die Innenstadt: Neue Audio.StadtRadTour

Von |2021-12-21T14:48:11+01:0021.12.2021|

Die Innenstadt mit anderen Augen und Ohren erleben: Zur Feier unseres Programms ZUKUNFTinnenSTADT haben wir aus den Stationen unserer Audio.StadtRadTouren einen Spaziergang zusammengestellt, bei dem ihr mehr über kulturelle und historische Highlights aus Hannover erfahren könnt. Zwei weitere Touren werden folgen.

Optimal ist die Nutzung der App izi.travel, auf der alle unsere Touren praktisch zum Mitnehmen präsentiert werden. Für diesen Innenstadtspaziergang haben wir einige Perlen ausgewählt. Das Video unten zeigt, wie ihr sie findet. Viel Spaß beim Staunen und Erleben!

Wohnen in der Innenstadt – Wunsch und Wirklichkeit

Von |2022-01-24T19:01:02+01:0020.12.2021|

Wohnen in der Innenstadt war am 4.11. Thema der Reihe ZUKUNFTinnenSTADT. Das Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover e. V. lud gemeinsam mit der Volkshochschule ein, sich den Möglichkeiten des Wohnens in der Innenstadt zu nähern. Im Saal der VHS hörten etwa fünfzig Interessierte Impulsvorträge zum Thema von Prof. Tim Rieniets (LUH) und Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik. Studierende präsentierten ihre eindrucksvollen und plastischen Entwürfe zur Umnutzung und Zukunft von Hannovers Innenstadt. In der anschließenden Diskussion kristallisierten sich folgende Erkenntnisse heraus:

  • Anforderungen des Wohnens geben Impulse zur Diversifizierung der Innenstadtnutzungen und schaffen Perspektiven für die Umnutzung von Handelsimmobilien.
  • Bestehende Instrumente der Stadtentwicklung können in Hannover intensiver genutzt werden. Die Stadt kann mehr wagen und von anderen Städten lernen.
  • In der Innenstadt gibt es Gebäude und Räume, die sich zum Wohnen eignen. Wenn man diese Räume kennt, kann man zum Beispiel mittels Experimenten erproben, wie sie genutzt werden sollen.
  • Lokalen Partner*innen und Initiativen wie „Immovielien“ stehen zur Kooperation bereit, deren Potential sollte systematisch genutzt werden. Es braucht verbindliche Einbeziehung und Zusammenarbeit.

Innenstadt: Viel mehr als nur Handel

Prof. Tim Rieniets hofft, dass die mediale Aufmerksamkeit, die eine notwendige Transformation unserer Innenstädte genießt, nicht nur vorübergehend ist, sondern tatsächlich Impulse für eine nachhaltige Entwicklung und Veränderungen schafft. „Die eigentliche Katastrophe ist, dass wir die Innenstädte eigentlich nicht mehr brauchen, auf jeden Fall nicht zum Shoppen wie in den letzten 50 bis 70 Jahren. Dafür gibt es längst Ersatz im Onlinehandel.“

Doch er beruhigt: „Es ist gar nicht so schlimm, wenn in Städten weniger Einzelhandel passiert.“ Neben dem Handel erfüllen diese nämlich weitere wichtige Funktionen. Handel war lange die wichtigste Funktion der Innenstadt und ist historisch gewachsen. Denn für den Handel war die Innenstadt die beste Verortung: sie ist zentral und für alle Menschen gut zu erreichen. Die spezielle Handelsarchitektur mit großen, beleuchteten Schaufenstern ist darauf angelegt, „Innen“ und „Außen“ zu verbinden, Welten zu präsentieren und zum Kaufen einzuladen. Dadurch entsteht ein Gefühl von Lebendigkeit.

Innenstädte sind darüber hinaus aber auch symbolische Zentren unserer Städte, repräsentative, oft historische Gebäude wie Rathaus, Theater, Bahnhof, oder Oper prägen sie. Außerdem ist die Innenstadt Sitz von Verwaltung und Politik, die das Gemeinwesen Stadt in die Gegenwart bringen. Die Innenstadt ist auch eine Identifikationsfläche und dient dazu, sich zu verorten. Selbst, wenn man die eigene Innenstadt gar nicht mag, sind es häufig zuerst die „Postkartenmotive“ der Innenstadt, mit denen man sich anderen Menschen vorstellt, wenn man nach Herkunft oder Heimat gefragt wird.

Rieniets weist noch auf eine weitere bedeutende Funktion der Innenstädte hin: Wir sehen in der Innenstadt die anderen Mitglieder der Gesellschaft, andere Bevölkerungsgruppen und werden konfrontiert mit der Welt außerhalb unserer eigenen Blase. Die Innenstädte sind unser zivilisatorischer Übungsraum für gegenseitige Akzeptanz.

Wenn also Wohnen Handel ersetzen soll und eine größere Bedeutung in unseren Innenstädten erhalten soll, sollten die anderen Funktionen der Innenstadt dabei berücksichtigt werden. Eine Wohnstraße darf nicht eine exklusive Straße für Besserverdienende werden. Es resultiert die Frage, wie günstiger Wohnraum in der Innenstadt bewerkstelligt werden kann, wenn hohe Renditeerwartungen von Investor*innen im Spiel sind. Die Stadt habe hier jedoch die Aufgabe, mittels planerischer Instrumente die Interessen der Einwohner*innen zu vertreten.

Umtriebige Urbanität mit Wohnen zusammenbringen

Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik hält in ihrem Vortrag fest, dass am Anfang der Überlegungen über Wohnen in der Innenstadt erst einmal Bilanz gezogen werden sollte, wo bereits wie in der Innenstadt gewohnt wird. Anschließend können Potentiale erhoben werden wie Neubebauung von freiwerdenden Arealen wie bspw. Feuerwehren, Krankenhäusern, Bahnflächen oder Parkhäusern. Eine Schließung von Baulücken und Aufstockung von Gebäuden kann Wohnraum schaffen ebenso wie durch Flächengewinnung mittels einer Neustrukturierung von Straßen und Verkehrsflächen. Die Voraussetzungen müssen aber gegeben oder geschaffen sein. Umtriebige Urbanität ist nicht ohne weiteres mit „Wohnen“ kombinierbar: Zwar ist zum Beispiel Gastronomie in der Innenstadt erwünscht, aber möchte man ein Restaurant im eigenen Wohnhaus? Eine Vermittlung zwischen Wohnen und dem umgebenden öffentlichem Raum fehlt bei Umbauten bisweilen.

Plastische, kreative Lösungen genau dieser Problematik präsentierten drei Studierenden-Gruppen der Fakultät Architektur und Landschaft der LUH. Anhand ihrer Entwürfe konnten die Teilnehmenden eine Vorstellung entwickeln, wie Wohnen speziell in Hannovers Innenstadt aussehen kann. Unser Dank gilt Antonin Brünner und Till Kammann (Parkhaus Osterstraße), Sarah Tischer und Aaron Schedler (Parkhaus Mehlstraße) und Viktoria Leno sowie Elizaveta Misyuryaeva (Galeria Kaufhof an der Marktkirche).

Der Entwurfsphase war eine Analyse vorangegangen die für Hannovers Innenstadt zu folgenden Ergebnissen kam:

  • Austauschbar
  • Stark versigelt
  • Wenig Aufenthaltsqualität
  • Wenig los außerhalb der Geschäftszeiten

Die Gruppen zeigten verschiedenen Ideen, wie etwa durch eine Entwicklung in drei Phasen Begrünung, Verkehrsflächenminimierung und Nutzung von Leerständen mehr Wohnen in der Innenstadt möglich würde. Räumliche Ressourcen wie bspw. Flachdächer und Innenhöfe oder Parkdecks können für Wohnzwecke aktiviert werden. Durch eine Terrassierung der Gebäude kann Wohnen in den oberen Etagen mit Räumen für Einzelhandel oder Büros in den unteren Etagen verbunden werden. Die demografische Entwicklung muss auch immer mitgedacht werden: Das betrifft insbesondere Barrierefreiheit, Gemeinschaftsräume und vielfältige Wohnungsschnitte.

Einen kleinen Eindruck der Entwürfe gibt es in der Galerie unten.

In der anschließenden Diskussion wurde der Ruf nach einer guten Mischung von Wohnen, Leben und Arbeiten laut, denn hier hätte Hannover ein großes Potential, wenn alle – Jung wie Alt – gemeinsam daran arbeiten würden. Doch stellen sich insbesondere die Eigentümer*innenverhältnisse als Handicap für eine Umnutzung heraus. Tim Rieniets sagte, der Schlüssel zum Erfolg liege darin, die Eigentümer*innen mit Nutzungsinteressierten an einen Tisch zu bringen. Deutlich wurde, dass es auf stadtplanerischer Ebene neue Instrumente braucht, die aber aus der Bundespolitik kommen müssen. Es bleibt eine politische Frage, welche Ziele verfolgt werden: Inwiefern soll sich die Innenstadt der Zukunft an Interessen von Investor*innen orientieren, und welche Rolle spielen dabei die Interessen der Bewohner*innen und Nutzer*innen?

Die nächste Veranstaltung der Reihe ZUKUNFTinnenSTADT widmet sich erneut dem Wohnen, der Fokus liegt auf der Altstadt: Am Donnerstag, den 3.2.2022 um 18 Uhr laden wir ein zum Stadtteilspaziergang mit Wohnprojektentwickler und Altstadtbewohner Torsten Schwarz sowie anderen Gästen. Treffpunkt ist die Volkshochschule, der Spaziergang wird etwa zweieinhalb Stunden dauern.

ZUKUNFTinnenSTADT

Das bbs stellt 2021 und 2022 die kooperative Entwicklung der Innenstadt in den Fokus seiner Arbeit. Kooperationspartner*innen sind die Volkshochschule Hannover (VHS) und Politik zum Anfassen e. V. Über das Jahr hinweg werden in digitalen und analogen Veranstaltungen, mobil in den Stadtteilen, per App auf PLACEm und in der VHS Hannover zahlreiche Facetten der Innenstadt Hannovers beleuchtet. Ziel ist es, mit Bürger*innen und Expert*innen eine Vision für die Innenstadt Hannovers zu kreieren und damit einen gehaltvollen Beitrag zur Stadtentwicklung zu leisten. Auf dem Weg dahin inspiriert die Reihe Bürger*innen sich mit der Innenstadt auseinanderzusetzen und pflanzt Ideen, wie sie attraktiver, lebendiger und vor allem gerechter werden kann. Mehr Infos hier.

 

Recht auf Stadt – Mädchen und Frauen im öffentlichen Raum

Von |2022-02-21T14:50:03+01:0018.10.2021|

„Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich abends Bahn fahre, das Abteil leer ist und eine Männergruppe steigt zu.“

Das Statement einer Besucherin der bbs-Veranstaltung „Recht auf Stadt – Mädchen und Frauen im öffentlichen Raum” zeigt: Der Zugang zur Innenstadt Hannovers ist nicht für alle gleich. Es gibt für Männer unsichtbare Zonierungen und zeitliche Fenster, die die Bewegungsfreiheit von Mädchen und Frauen auf Hannovers Straßen und Plätzen einschränken. Gender Planning – was dem entgegenwirken kann – ist ein alter Hut, trotzdem findet es nicht statt. Die Forderungen nach der Veranstaltung sind klar: Gendersensible Planung muss Wettbewerbskriterium werden, bestehende Empfehlungen und Richtlinien müssen verbindlich sein, sonst finden sie keine Anwendung. Das hat nicht zum Zwecke, Männer zu benachteiligen, sondern um die Aufenthaltsqualität von Hannovers Innenstadt für alle zu steigern.

In der Diskussionsrunde, die das Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover e. V. mit der Volkshochschule Hannover am 6. Oktober veranstaltete, nahmen ca. 50 Personen physisch und digital teil. Zusammen mit Prof. Tanja Mölders entwickelten Dipl.-Ing. Heide Studer; (Landschaftsökologin, Kultur- und Sozialanthropologin aus Wien), Dipl.-Geografin und Planerin Ingrid Heineking und Friederike Kämpfe (Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Hannover) Ideen dazu, wie Hannovers Innenstadt mehr von und für Mädchen und Frauen gestaltet werden kann.

„Ich muss gestehen, es war nicht das erste Thema, welches mir zur Entwicklung der Innenstadt eingefallen ist.“

Das Statement spiegelt die Bedeutung geschlechter*gerechter Planung wider. Umso wichtiger, dass die vierte Veranstaltung im Citydialog ZUKUNFTinnenSTADT genau darauf eingeht, betonte Jacqueline Knaubert-Lang, Leiterin der VHS, bei der Eröffnung. Prof. Tanja Mölders stellte zunächst das Gender Mainstreaming vor: Ein politisches Leitprinzip, das Planung durch Genderaspekte qualifiziert. Dadurch sollen Aneignungs- und Raumnutzungsmuster von allen Geschlechtern bei Planungen berücksichtigt werden. Ingrid Heineking stellte eine Mobilitätsanalyse der Region Hannover vor, dabei legte sie den Fokus auf Unterschiede im Mobilitätsmuster von Mann und Frau. Heide Studer stellte Projekte aus Wien zur erfolgreichen Beteiligung von Mädchen vor. Sie betonte in ihrem Vortrag weiterhin, dass es wichtig sei, alle von Diskriminierungen betroffenen Personen zu beteiligen und den Mut zu haben, konkrete Forderungen zu entwickeln.

Prof. Tanja Mölders leitet das Referat „Räumliche Planung und raumbezogene Politik“ bei der ARL Akademie für Raumentwicklung in der Leibnitz-Gemeinschaft und ist außerplanmäßige Professorin an der Leibniz-Universität. In dieser Funktion bietet sie Studierenden Seminare wie z.B. „Gender Planning – Städtische Räume geschlechter*gerecht planen“ an. Als Nachhaltigkeitswissenschaftlerin stellen Fragen nach Geschlechterverhältnissen für sie einen analytischen Zugang dar, der einen kritischen Blick auf Denk- und Handlungsmuster ermöglicht. In Bezug auf Hannover stellt sie die Frage: „Haben alle Menschen das gleiche Recht auf Innenstadt? Wer eignet sich städtische Räume an und werden öffentliche Räume implizit oder explizit zugewiesen?“ Ihre These ist, dass das Geschlecht als sozialer Platzanweiser wirkt und Frauen und Männer, aber auch Mädchen und Jungen Räume unterschiedlich nutzen. Das Gender Mainstreaming stellt sie als politisches und planerisches Leitprinzip vor. Bei allen Maßnahmen und Projekten sollen in verschiedenen Phasen der Planung und Umsetzung die Raumnutzungsansprüche, Ressourcen und Kompetenzen gesellschaftlicher Gruppen berücksichtigt werden. Gender Planning soll so die in der Stadtplanung unterrepräsentierten Gruppen stärken. Interessant sind hierbei Gegensätze zwischen Erwerbsarbeit und Versorgungsarbeit. Traditionell wird die Produktionsarbeit vom Mann ausgeführt und die Versorgungsarbeit von der Frau. Versorgungsarbeit bringt meist viele kurze Wegestrecken mit sich. Mölders stellt hierzu die Frage, ob dies mit dem ÖPNV überhaupt möglich ist.

Als weiteres zentrales Thema nannte sie Sicherheit. Für Frauen gibt es häufig sogenannte „Angsträume“, die aktiv gemieden werden, da sie subjektiv als gefährlich wahrgenommen werden. Frauenparkplätze oder Heimwegtelefone könnten die Antwort sein. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn Frauen in eine Opferrolle gebracht und dort gehalten werden.

Für die Anschaulichkeit räumlicher Auswirkungen des Gender Plannings präsentierten einige ihrer Studierenden die Seminararbeit „Hannover Mit(te) Gestalten – Weiterführung des Innenstadtdialogs mit Fokus auf geschlechtergerechtes Planen und Entwerfen“. Sie stellten Orte in der Innenstadt und Visionen für ihre geschlechtergerechte Gestaltung vor.

Als lokale Expertin sprach Diplom-Geografin Ingrid Heineking darüber, wie eine Gender-Analyse über Mobilität in der Region Hannover, an deren Erstellung sie mitgewirkt hat, ein qualifizierender Aspekt in der Planung ist. Dabei wurde auch vermeintlich Gesetztes hinterfragt. Es kam heraus, dass sich schon eine Veränderung im Mobilitätsverhalten bemerken lässt. Junge Frauen haben früher und häufiger einen Führerschein als Männer, während in den älteren Altersstufen Frauen Mitfahrerinnen sind. Im Allgemeinen unterscheiden sich die Mobilitätsmuster von Männern und Frauen bei den Versorgungstätigkeiten und den Arbeitswegen: Während Männer eher schnell lineare Wegstrecken zurücklegen, haben Frauen ein ausgeprägtes Wegenetz mit einer geringeren Geschwindigkeit. Um unabhängig vom motorisierten Individualverkehr zu werden, sei es wichtig, den ÖPNV an weibliche Mobilitätsbedürfnisse anzupassen. Weiterhin sieht Heineking einen Ansatzpunkt für Maßnahmen bei den Umbruchsphasen in dem Leben der Menschen. Während viele Studierende ohne Auto unterwegs sind, ändert sich dies beim Einstieg in die Arbeitswelt. Diese Umbruchsphase können durch spezielle Maßnahmen, z.B. günstigere Tarife, begleitet werden um Anreize zu schaffen, sich weiterhin autofrei zu bewegen. Ziel der Mobilitätsanalyse war es, konkrete Forderungen an die Verwaltung zu entwickeln. Aus den erhobenen Daten ergaben sich sieben Forderungen. Die Kernpunkte beschäftigen sich mit zielgruppenspezifischen Beteiligungsformaten, Bedarfsverkehr, Steigerung der Sicherheit, Push- und Pull-Maßnahmen und dem Zusammendenken von Siedlungs- und Verkehrsentwicklung. Gleichsam ist aber ein zentraler Punkt Experimente zu wagen und neue Maßnahmen zu testen.

Dr. Dipl.-Ing. Dr. Heide Studer ist Landschaftsökologin und Sozialanthropologin aus Wien. In ihrem Büro Tilia entwickelt und erforscht sie öffentliche Räume, dabei spielt die Partizipation der Stadtbevölkerung eine zentrale Rolle. Denn der Raum, erklärte sie, wird durch soziale Praktiken hergestellt. Der Stadtraum wird täglich genutzt. „Lebensqualität in Städten bedeutet, dass mehr gewählte, also nicht notwendige Aktivitäten im öffentlichen Raum stattfinden“ zitiert sie Jan Gehl (dänischer Architekt und Stadtplaner aus Kopenhagen). Studer fragte, wo Jugendliche sich einbringen können. Sie betonte, dass Jugendarbeit in Wien burschenorientiert ist, deshalb setzt sie sich für die Teilhabe von Mädchen in Planungsprozessen ein. Dabei legt sie die Diskriminierungen offen und untersucht das geschlechterspezifische Verhalten: Mädchen eigenen sich weniger Orte an als Jungen. Sie halten sich lieber an belebten Orten auf, bei denen sie in der Masse verschwinden können und ohne soziale Kontrolle üben können, selbstständig zu sein. Mit diesen und weiteren Erkenntnissen führte Heide Studers Büro ein Beteiligungsverfahren am Reumannplatz in Wien durch und legte dabei den Fokus besonders auf Mädchen. Bei der späteren Umgestaltung konnte eine Mädchenbühne und ein Aufenthaltsbereich realisiert werden. „Die Mädchen haben bunte Bänke gestaltet und als Mädchenbank beschriftet. Jetzt wird beobachtet, dass Männer diese Bänke räumen, wenn Mädchen sich setzen möchten.“ Freute sich Studer. Stadtverwaltungen müssen für das Genderthema sensibilisiert werden.

Geschlechtergerechte Planung hat zwar an Bedeutung gewonnen, trotzdem fehle noch die planerische Konsequenz, diese in jedem Projekt anzuwenden. Es wurde deutlich, dass es bei Gender planning nicht darum geht, Frauen per se zu unterstützen, sondern verschiedene Lebensentwürfe zu ermöglichen, die z.B. auch Versorgungsarbeit beinhalten. Um eine City für Alle zu gestalten, das war allen nach der Veranstaltung klar, spielen nicht nur räumlich-bauliche Setzungen eine Rolle. Alle Rednerinnen waren sich in einem Punkt einig: Um unterrepräsentierte Gruppen in der Innenstadt zu unterstützen sei es wichtig, Diskriminierungen offenzulegen. Nur so könne man konkrete Forderungen mit den unterrepräsentierten Gruppen entwickeln und in der Stadtentwicklung verankern.

Friederike Kämpfe betone abschließend, dass sich dafür auch Strukturen in der Verwaltung ändern, und Menschen sensibilisiert werden müssten. Selbst, wenn Alle Planer*innen eine Art „Gender-Kompass“ hätten, müssten Anforderungen verbindlich sein, damit geschlechtergerechte Planung zu einer besseren Innenstadt Hannovers führt.

Heide Studer ermutigte: „Fragt die, die da sind! Fragt Mädchen und Jungen. Wenn ohnehin eine Beteiligung stattfindet, ist es wenig Aufwand, diese auch geschlechtersensibel auszuwerten. Ein Nachhaken anhand von statistischen Daten ist möglich, wenn Gruppen nicht berücksichtigt wurden.“

Hier finden Sie einen Zusammenschnitt einiger spannender Momente, sowie einen Beitrag von h1 zur Veranstaltung:

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