Fridays, Parents, Scientists: Beim Thema „Future” kann und wird die hannoversche Kulturszene nicht hinten anstehen. Das zeigte am Donnerstagabend die Veranstaltung „Culture for Future – Nachhaltige Kultur als Inspiration für die Zukunft unserer Innenstadt“, bei der sich unter anderem Anja Ritschel, Hannovers neue Wirtschafts- und Umweltdezernentin, den Fragen der Kulturschaffenden stellte. 

Die Veranstaltung zusammen mit der VHS Hannover war die siebte in der Reihe „ZUKUNFTinnenSTADT“. Zu den Gästen gehörten neben Ritschel die Abteilungsleiterin Kunst und Kultur in der Landeshauptstadt Dresden, Juliane Moschell und rund 50 Vertreter*innen der hannoverschen Kulturszene. Gemeinsam gingen sie der Frage nach, wie Kultur, Handel, Politik und Stadtverwaltung konstruktiv zusammenwirken und Nachhaltigkeit zu ihrem Leitbild machen können. 

Die Veranstaltung zeigte anschaulich, was der hannoversche Kulturentwicklungsplan (KEP) an vielen Stellen deutlich hervorhebt, nämlich die Bedeutung von nachhaltigem Handeln auch und gerade im Kulturleben. So bescheinigt der KEP der Landeshauptstadt Hannover „die besten Voraussetzungen, um sich im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit und gegenüber der Herausforderung des Klimawandels noch stärker aufzustellen und diese Aspekte im gesamten Kulturbetrieb und in der Kulturproduktion zu berücksichtigen.“

Der Dresdener Weg

Ideen, wie das in der Praxis gelingen kann, kamen aus Dresden: Moschell präsentierte den Dresdener Weg für mehr Nachhaltigkeit in Kunst und Kultur und betonte die besondere Rolle der Kulturschaffenden für ein Umdenken in der Gesellschaft: „Kunst und Kultur verleihen unserem Handeln Sinn und Bedeutung“, so Moschell in ihrem Vortrag. Dresdener Kultureinrichtungen hätten sich in einem breiten Beteiligungsprozess mit der „Dresdener Charta für Nachhaltigkeit im Kultursektor“ verpflichtet, bis 2030 ihre Nachhaltigkeitsstrategien zu erfüllen. Gerade in Hinblick auf die Corona-Krise sei ein solcher Prozess eine Chance, „den Kultursektor zukunftsfähig aufzustellen“. In einer Pilotphase erarbeiteten in Dresden Mitarbeitende aus fünf unterschiedlichen Einrichtungen – jeweils ein Theater, Festival, Bibliothek, Orchester und ein Museum – konkrete Nachhaltigkeitsthemen, die im Betrieb mitgetragen werden. „Die Intendantin und der Fuhrparkchef diskutierten auf Augenhöhe“, beschreibt Moschell einen der Erfolgsgaranten für das Projekt. Darüber hinaus brauche es „ein deutliches Bekenntnis der jeweiligen Leitung und ausreichend finanzielle Mittel“, die in Dresden durch den Rat für Nachhaltige Entwicklung aufgestockt wurden. Gelingen könne der Prozess aber nur, wenn nicht nur der Kulturbereich mitmache, sondern übergreifend gearbeitet würde: „die Stadtplanung, der Oberbürgermeister – viele müssen beteiligt sein. Das erfordert eine große Koordinationsaufgabe in der Verwaltung“, so Moschell. 

Ideen für Hannover

Auf die Frage, wie denn in Hannover die Kulturschaffenden zu mehr Nachhaltigkeit beitragen könnten, entgegnete Ritschel, dass Kultur wie alle anderen Bereiche viel einbringen kann, Kultur aber darüber hinaus helfen könne, qualitativ darüber nachzudenken: „wie sieht gutes Leben in unserer Stadt aus?“. Ritschel sprach sich für Kultur an Orten der Innenstadt aus, an denen man sie nicht erwarte und sie die Menschen im positiven Sinne irritiere. Auf der anderen Seite sei die Kulturszene genauso gefordert, wie alle anderen auch: „Klimaschutz ist die ganz große Herausforderung, die bewältigen weder Rathaus noch Wirtschaft alleine“. Ritschel betonte, dass durch die Kulturhauptstadtbewerbung Kultur deutlich in den Mittelpunkt gerückt und stärker wahrnehmbar sei. Auch im Hannoverschen Nachhaltigkeitsbericht hat Kultur neben Ökologie, Sozialem, Wirtschaft und Good Governance „einen großen und somit wichtigen Schwerpunkt“. Ritschel sagte auf der Veranstaltung der hannoverschen Kultur- und Kreativwirtschaft zu, das Netzwerk kreHtiv weiterzuführen und abzusichern und forderte, dass in Hinblick auf die Entwicklung der Innenstadt Wirtschaft und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen müssten: „Ich komme gerne mit Ihnen ins Gespräch, damit wir uns gegenseitig in den Prozessen bestärken, die eine Stadt braucht. Wir müssen den Begriff Nachhaltigkeit positiv neu besetzen, das möchte ich mit den Kulturschaffenden gemeinsam beginnen. Daran, was das für jeden einzelnen bedeutet, müssen wir uns reiben, aber nicht nur darüber reden, sondern konkret ins Handeln kommen“. 

Die Anregungen aus Dresden wurden in fünf Arbeitsgruppen aufgenommen und aus hannoverscher Perspektive vertieft. Ein Fokus lag dabei auf der Musik, die in der UNESCO-City of Music eine besondere Bedeutung hat. Kunst und Kultur, waren sich die Teilnehmenden einig, kommt eine maßgebliche Rolle zu: ihre Fähigkeit, Möglichkeitsräume zu inszenieren, kreativ mit Vorhandenem umzugehen und Szenarien zu entwickeln, sind für einen gesellschaftlichen Wandel unerlässlich. Die konkreten Ideen reichten von essbaren Pflanzen in der Stadt und „Parkplätzen zu Park-Plätzen“ über das Teilen von Materialien in der schon in Arbeit befindlichen „Bibliothek der Dinge“ bis hin zu Straßen, durch die man nur singend oder pfeifend laufen darf. Konkrete Forderungen wurden laut für ein Grundeinkommen für Kulturschaffende oder eine Honorarordnung für Kulturveranstalter*innen. Dass Bedarf besteht, wurde praktisch sichtbar, als eine Festivalveranstalterin aus der Arbeitsgruppe heraus in den Bereitschaftsdienst gerufen wurde: „Ich arbeite weiter im Krankenhaus, denn als Veranstalterin kann ich nur ehrenamtlich tätig sein“. Das Karstadt-Haus als prägnantester Leerstand in der City war mehrfach Thema, beispielsweise als potentieller Übungsraum für Musiker*innen. Auch ein struktureller Wandel der Innenstadt wurde gefordert, mehr Wohnraum, mehr Durchmischung, mehr Grün, damit die Innenstadt wieder Aufenthaltsqualität erlange als „Hannovers Wohnzimmer“. Ariane Jablonka vom Klavierhaus Döll formulierte, worüber viel Einigkeit herrschte: „Wir wollen gemeinsam Kultur machen unter einem besonderen Stern: dem Thema Nachhaltigkeit! Wir geben das Thema vor, aber wir sind offen für alle, die sich beteiligen wollen“. Sie forderte eine Struktur regelmäßiger, moderierter Treffen: „wir wünschen uns Unterstützung von der Landeshauptstadt, durch Frau Ritschel“. Anja Ritschel sagte zu, das Thema mitzunehmen und als Wirtschaftsdezernentin beim Brückenbauen zu helfen: „wir haben einen Runden Tisch nachhaltig Wirtschaften und sollten gucken, ob wir ein gemeinsames Ziel haben und wie wir es erreichen“. 

Anke Biedenkapp regte abschließend dazu an, einen Nachhaltigkeitsleitfaden für Veranstaltungen verpflichtend zu machen. Der Leitfaden kann mit dem Kulturentwicklungsplan, dem Nachhaltigkeitsbericht und dem Schwarmwissen der Kulturschaffenden in Einklang gebracht werden. Auch regte sie an, seitens der Landeshauptstadt eine*n Nachhaltigkeitsbeauftragte*n zum Thema Kulturveranstaltungen einzusetzen.

Den musikalischen Rahmen der Veranstaltung gestaltete John Winston Berta mit Gesang und Gitarre. Herzlichen Dank dafür!

Die Reihe „ZUKUNFTinnenSTADT“ des bbs wird fortgesetzt am Donnerstag, den 5.5.2022, dann unter dem Titel “Straßen – Macht – Stadt: Die Innenstadt als Lebensraum”.