Wohnen in der Innenstadt war am 4.11. Thema der Reihe ZUKUNFTinnenSTADT. Das Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover e. V. lud gemeinsam mit der Volkshochschule ein, sich den Möglichkeiten des Wohnens in der Innenstadt zu nähern. Im Saal der VHS hörten etwa fünfzig Interessierte Impulsvorträge zum Thema von Prof. Tim Rieniets (LUH) und Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik. Studierende präsentierten ihre eindrucksvollen und plastischen Entwürfe zur Umnutzung und Zukunft von Hannovers Innenstadt. In der anschließenden Diskussion kristallisierten sich folgende Erkenntnisse heraus:

  • Anforderungen des Wohnens geben Impulse zur Diversifizierung der Innenstadtnutzungen und schaffen Perspektiven für die Umnutzung von Handelsimmobilien.
  • Bestehende Instrumente der Stadtentwicklung können in Hannover intensiver genutzt werden. Die Stadt kann mehr wagen und von anderen Städten lernen.
  • In der Innenstadt gibt es Gebäude und Räume, die sich zum Wohnen eignen. Wenn man diese Räume kennt, kann man zum Beispiel mittels Experimenten erproben, wie sie genutzt werden sollen.
  • Lokalen Partner*innen und Initiativen wie „Immovielien“ stehen zur Kooperation bereit, deren Potential sollte systematisch genutzt werden. Es braucht verbindliche Einbeziehung und Zusammenarbeit.

Innenstadt: Viel mehr als nur Handel

Prof. Tim Rieniets hofft, dass die mediale Aufmerksamkeit, die eine notwendige Transformation unserer Innenstädte genießt, nicht nur vorübergehend ist, sondern tatsächlich Impulse für eine nachhaltige Entwicklung und Veränderungen schafft. „Die eigentliche Katastrophe ist, dass wir die Innenstädte eigentlich nicht mehr brauchen, auf jeden Fall nicht zum Shoppen wie in den letzten 50 bis 70 Jahren. Dafür gibt es längst Ersatz im Onlinehandel.“

Doch er beruhigt: „Es ist gar nicht so schlimm, wenn in Städten weniger Einzelhandel passiert.“ Neben dem Handel erfüllen diese nämlich weitere wichtige Funktionen. Handel war lange die wichtigste Funktion der Innenstadt und ist historisch gewachsen. Denn für den Handel war die Innenstadt die beste Verortung: sie ist zentral und für alle Menschen gut zu erreichen. Die spezielle Handelsarchitektur mit großen, beleuchteten Schaufenstern ist darauf angelegt, „Innen“ und „Außen“ zu verbinden, Welten zu präsentieren und zum Kaufen einzuladen. Dadurch entsteht ein Gefühl von Lebendigkeit.

Innenstädte sind darüber hinaus aber auch symbolische Zentren unserer Städte, repräsentative, oft historische Gebäude wie Rathaus, Theater, Bahnhof, oder Oper prägen sie. Außerdem ist die Innenstadt Sitz von Verwaltung und Politik, die das Gemeinwesen Stadt in die Gegenwart bringen. Die Innenstadt ist auch eine Identifikationsfläche und dient dazu, sich zu verorten. Selbst, wenn man die eigene Innenstadt gar nicht mag, sind es häufig zuerst die „Postkartenmotive“ der Innenstadt, mit denen man sich anderen Menschen vorstellt, wenn man nach Herkunft oder Heimat gefragt wird.

Rieniets weist noch auf eine weitere bedeutende Funktion der Innenstädte hin: Wir sehen in der Innenstadt die anderen Mitglieder der Gesellschaft, andere Bevölkerungsgruppen und werden konfrontiert mit der Welt außerhalb unserer eigenen Blase. Die Innenstädte sind unser zivilisatorischer Übungsraum für gegenseitige Akzeptanz.

Wenn also Wohnen Handel ersetzen soll und eine größere Bedeutung in unseren Innenstädten erhalten soll, sollten die anderen Funktionen der Innenstadt dabei berücksichtigt werden. Eine Wohnstraße darf nicht eine exklusive Straße für Besserverdienende werden. Es resultiert die Frage, wie günstiger Wohnraum in der Innenstadt bewerkstelligt werden kann, wenn hohe Renditeerwartungen von Investor*innen im Spiel sind. Die Stadt habe hier jedoch die Aufgabe, mittels planerischer Instrumente die Interessen der Einwohner*innen zu vertreten.

Umtriebige Urbanität mit Wohnen zusammenbringen

Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik hält in ihrem Vortrag fest, dass am Anfang der Überlegungen über Wohnen in der Innenstadt erst einmal Bilanz gezogen werden sollte, wo bereits wie in der Innenstadt gewohnt wird. Anschließend können Potentiale erhoben werden wie Neubebauung von freiwerdenden Arealen wie bspw. Feuerwehren, Krankenhäusern, Bahnflächen oder Parkhäusern. Eine Schließung von Baulücken und Aufstockung von Gebäuden kann Wohnraum schaffen ebenso wie durch Flächengewinnung mittels einer Neustrukturierung von Straßen und Verkehrsflächen. Die Voraussetzungen müssen aber gegeben oder geschaffen sein. Umtriebige Urbanität ist nicht ohne weiteres mit „Wohnen“ kombinierbar: Zwar ist zum Beispiel Gastronomie in der Innenstadt erwünscht, aber möchte man ein Restaurant im eigenen Wohnhaus? Eine Vermittlung zwischen Wohnen und dem umgebenden öffentlichem Raum fehlt bei Umbauten bisweilen.

Plastische, kreative Lösungen genau dieser Problematik präsentierten drei Studierenden-Gruppen der Fakultät Architektur und Landschaft der LUH. Anhand ihrer Entwürfe konnten die Teilnehmenden eine Vorstellung entwickeln, wie Wohnen speziell in Hannovers Innenstadt aussehen kann. Unser Dank gilt Antonin Brünner und Till Kammann (Parkhaus Osterstraße), Sarah Tischer und Aaron Schedler (Parkhaus Mehlstraße) und Viktoria Leno sowie Elizaveta Misyuryaeva (Galeria Kaufhof an der Marktkirche).

Der Entwurfsphase war eine Analyse vorangegangen die für Hannovers Innenstadt zu folgenden Ergebnissen kam:

  • Austauschbar
  • Stark versigelt
  • Wenig Aufenthaltsqualität
  • Wenig los außerhalb der Geschäftszeiten

Die Gruppen zeigten verschiedenen Ideen, wie etwa durch eine Entwicklung in drei Phasen Begrünung, Verkehrsflächenminimierung und Nutzung von Leerständen mehr Wohnen in der Innenstadt möglich würde. Räumliche Ressourcen wie bspw. Flachdächer und Innenhöfe oder Parkdecks können für Wohnzwecke aktiviert werden. Durch eine Terrassierung der Gebäude kann Wohnen in den oberen Etagen mit Räumen für Einzelhandel oder Büros in den unteren Etagen verbunden werden. Die demografische Entwicklung muss auch immer mitgedacht werden: Das betrifft insbesondere Barrierefreiheit, Gemeinschaftsräume und vielfältige Wohnungsschnitte.

Einen kleinen Eindruck der Entwürfe gibt es in der Galerie unten.

In der anschließenden Diskussion wurde der Ruf nach einer guten Mischung von Wohnen, Leben und Arbeiten laut, denn hier hätte Hannover ein großes Potential, wenn alle – Jung wie Alt – gemeinsam daran arbeiten würden. Doch stellen sich insbesondere die Eigentümer*innenverhältnisse als Handicap für eine Umnutzung heraus. Tim Rieniets sagte, der Schlüssel zum Erfolg liege darin, die Eigentümer*innen mit Nutzungsinteressierten an einen Tisch zu bringen. Deutlich wurde, dass es auf stadtplanerischer Ebene neue Instrumente braucht, die aber aus der Bundespolitik kommen müssen. Es bleibt eine politische Frage, welche Ziele verfolgt werden: Inwiefern soll sich die Innenstadt der Zukunft an Interessen von Investor*innen orientieren, und welche Rolle spielen dabei die Interessen der Bewohner*innen und Nutzer*innen?

Die nächste Veranstaltung der Reihe ZUKUNFTinnenSTADT widmet sich erneut dem Wohnen, der Fokus liegt auf der Altstadt: Am Donnerstag, den 3.2.2022 um 18 Uhr laden wir ein zum Stadtteilspaziergang mit Wohnprojektentwickler und Altstadtbewohner Torsten Schwarz sowie anderen Gästen. Treffpunkt ist die Volkshochschule, der Spaziergang wird etwa zweieinhalb Stunden dauern.

ZUKUNFTinnenSTADT

Das bbs stellt 2021 und 2022 die kooperative Entwicklung der Innenstadt in den Fokus seiner Arbeit. Kooperationspartner*innen sind die Volkshochschule Hannover (VHS) und Politik zum Anfassen e. V. Über das Jahr hinweg werden in digitalen und analogen Veranstaltungen, mobil in den Stadtteilen, per App auf PLACEm und in der VHS Hannover zahlreiche Facetten der Innenstadt Hannovers beleuchtet. Ziel ist es, mit Bürger*innen und Expert*innen eine Vision für die Innenstadt Hannovers zu kreieren und damit einen gehaltvollen Beitrag zur Stadtentwicklung zu leisten. Auf dem Weg dahin inspiriert die Reihe Bürger*innen sich mit der Innenstadt auseinanderzusetzen und pflanzt Ideen, wie sie attraktiver, lebendiger und vor allem gerechter werden kann. Mehr Infos hier.